Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537768-3537770--5456-3543573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
60 Neugestaltung des Kartells. stärkenden Bewußtsein ihrer Mehrheit sorglos dahinziehen .;> die Umgestaltung des Kartells kann nur geschehen, indem eindeutig und offen vor der Gesamtheit die Schicksalsfrage des Kartells gestellt wird, an der sich die Wege und die Geister scheiden, die Frage: Das Kartell als politisch-zionistische Organisation f oder das Kartell als die Gemeinschaft junger, jüdischer Menschen! ' v Denn dies ist der Gegensatz der Geister. Und worum handelt es sich hierbei? Man glaubte, den Anforderungen Palästinas in Maximalforderungen an uns, junge, westjüdische Menschen Rechnung tragen zu können. Man glaubte, uns assimilierte Westjuden durch „Erziehung" vom 19. Lebensjahre ab zu einer Bejahung und restlosen Erfüllung all der jüdischzionistischen Pflichten bringen zu können, deren Erfüllung der thorahtreuen und östlichen Judenheit aus Tradition, Milieu und täglicher Erziehung heraus selbstverständlich waren und sind. In diesem Sinne predigte man uns den „Dienst am Volke". Die reale zionistische Situation fordert, daß wir Landwirte, daß wir Landarbeiter werden. Jeder unter uns weiß von sich, daß er nicht dazu geboren, daß er nicht dazu erzogen, daß er nicht gewillt is^ Landwirt zu werden, geschweige denn Landarbeiter. Es ist im Grunde unendlich leicht, Berufsumschichtung anzuordnen, und dies sich anordnen zu lassen, wäre von keinem andern erträglich, als gerade von Fritz Löwenstein. Aber diese Forderung stellen heißt: ein Würfelspiel mit dem Lebensschicksal anderer treiben, und diese Forderung befolgen heißt: seine eigenen Möglichkeiten aufs Spiel setzen. Bedauerlicherweise haben wir nur dies eine Leben, uns auszuwirken; niemand schenkt uns ein zweites; so müssen wir denn in diesem ei;nen Leben das an Macht und Geltung zu erreichen suchen, was irgend an unserem Können ist. Heißt die erste Maximalforderung Berufsumschichtung, ganz konsequent aus der Notwendigkeit des Zionismus heraus, so heißt die zweite ebenso konsequente Forderung: Hebraisierung. Für Menschen unseres Alters ist es eine Unmöglichkeit, die Sprache aufzugeben, in der wir nun einmal leben. Unsere Sprache mit dem Hebräischen als Umgangssprache zu vertauschen — was doch gefordert wird! — heißt uns unfähig machen, irgendwie nennenswerte Gedanken frei zu äußern. Die Forderungen des Zionismus bestehen in ihrer ganzen Schwere, Größe und Notwendigkeit. So ist es ganz selbstverständlich, und brauchte kaum noch ausgesprochen zu werden, daß „die Ubersiedlung nach Palästina als oberste zionistische Erfüllung bestehen bleibt." Aber nur dann wird solche Erfüllung fruchtbar, ehrlich und von Dauer sein, wenn sie spontan und freiwillig geleistet wird. Nur dann hat sie ihren Wert, hat aus sich selbst heraus die Kraft, wohnt ihr Begeisterung inne. Doch nie wird das erreicht werden durch das jetzige System der Bevormundung von oben herab im K. J. V., wie es sich in allen Institutionen darstellt: in Präsidium, Ehrenrat, Kursen, Fuxenstunden, Prüfungen. Man sollte meinen, daß dies Uebel allmählich erkannt sei, man sollte die Mechanisierung und Formalisierung allmählich gemerkt haben und um die seelische Grundstimmung im K'.J.V. wissen, die man nicht anders bezeichnen kann als „andauernde Trägheit und Lustlosigkeit". Alle Fehlschläge sind hierauf zurückzuführen: der Bankerott der K. J. V.-Erziehung in den K. J. V ern selber, ihre seelische Haltung und äußere Form, ihre notdürftige, erzwungene Erfüllung. der geringsten Pflichten, ihre stets gleiche, sanft verebbende Laufbahn: mit einem Worte ihr mangelndes Sein und ihre mangelnde Leistung. Auch der Mißerfolg aller Propaganda ist auf dies Konto zu schreiben. Es fehlt in Wahrheit „das strahlende Glücksgefühl der lOOprozentig gelebten Idee", es fehlt