Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Arbeit des Kartells in der zionistischen Organisation. 55 Bei uns liegen die Verhältnisse, wie bekannt, ganz anders. Jeder tut dies aus eigener und auf eigene Verantwortung. Wieviel schwieriger das ist, ist leicht zu ermessen, da wir ja nicht nur keinen Zwang haben, sondern nicht einmal eine durch Tradition, Milieu, langjährige Erziehung vorbereitete Jugend. Ich wies im vorangehenden deswegen schon darauf hin, wie sehr bei uns „Erziehung" und „Arbeit" zusammenhängt. Holdheim sagt selbst „ein jeder muß wissen, daß in diesem Jahre das Schicksal des* Palästinaaufbaus entschieden wird und daß es auf seine Mitwirkung ankommt." Was heißt das, „muß wissen". Wir glauben, daß dieser Satz nicht mehr und nicht weniger ist, als was wir sagen und was — wo wir es als „homines publici" sagen — dann zu einer „Losung" oder „Forderung" oder sonst etwas gestempelt wird. Ich muß hierbei etwas verweilen und mich mit Hold he im, den ich nun auch gesprochen habe, ruhig und sachlich auseinandersetzen. Ich fragte H o I d h e i m , was ist die Maximalforderung, die das Kartell stellt, und er antwortete mir, die Übersiedlung nach Palästina. Niemals ist das von irgend einem im Kartell in dem Sinne gefordert, daß eine Nichterfüllung dieser Leistung ihn als Bundesbruder entwertete. Nur als Höchstleistung, als „oberste zionistische Erfüllung" wurde sie stets und wird sie ja auch von Holdheim hingestellt. Also nicht so sehr, weil diese „Forderung" nicht erfüllt wird, herrscht bei uns eine „Atmosphäre der Lüge", sondern weil Minimalforderungen nur teilweise und nur von einem Teile erfüllt werden, kritisieren wir ebenso scharf wie Holdheim das Kartell. Ich kann H o 1 d h e i m nun nicht auf seinem Wege folgen, die tiefsten Ursachen dieser Situation aufzudecken. Nicht nur, weil ich nicht die Ruhe habe, mich in schwierige psychologische Probleme zu vertiefen, sondern weil ich der Ueberzeugung bin, daß sehr viel Unheil in der heutigen Zeit damit angerichtet wi*rd, daß man Zustände, die man wirtschaftlich soziologisch und psychisch zu verstehen glaubte, ins Bewußtsein der betreffenden Menschen bringt. Es wird vielleicht Gelegenheit sein, vor dem Kartelltag hierzu noch einiges zu sagen und es gibt kompetentere Menschen bei uns, die darüber schreiben sollten. Mir liegt es weniger, das Negative zu zeigen, als immer wieder zu versuchen, mit den Umständen rechnend, doch den Weg zu finden. •Und letzten Endes unterscheiden wir uns ja auch gerade in diesen Fragen, die tiefer verankert sind, und die nicht diskutiert werden sollten. Weil wir glauben, daß die Zeit drängt, tun wir vieles und sicher vieles Falsche. Und deswegen schmerzt es, wenn man dann von Wreczinsky folgendes hören muß: „Auch sie haben jene Forderung erhoben, auch sie sind bisher nicht drüben, auch sie "werden in absehbarer Zeit nicht hinübergehen, atrer das veranlaßt sie nicht zu einer Einkehr. Die Hauptsache ist ja die radikale Forderung, das erhebende Gefühl, in der Reihe der Vollwertigen zu stehen." Ich hielt diese Sätze damals für die typischen, in allen Zeitläuften wiederkehrenden 'Worte „eines oppositionellen Mißvergnügten". Nun, da :sie Holdheim mit dem Prädikat „ausgezeichnet" wieder veröffentlicht, ist es an der Zeit, mit derartigen unangenehmen Unterstellungen aufzuräumen: Holdheim hätte die Worte nicht wiederholen sollen. Was soll das heißen „das erhebende Gefühl?" Wer von Euch hat die Möglichkeit, in das Innerste von Menschen zu schauen, die Ihr nicht begreifen könnt? Glaubt Ihr wirklich, daß das Leben der „Unentwegten" frei von den „Gesetzen des Lebens" munter dahinplätschert? Im übrigen — wenn sie anders gemeint sind — sagen die Sätze W. nur eine banale, heute jedem bekannte psychologische Wahrheit. Und wären wir selbst sa schamlose Gesellen (W. sagt für „die meisten gelten die Sätze"), soj unaufrichtige, ehrgeizige Simulanten und so arrogante Ideologen — jschön, dann glaube ich, immer noch besser, sie führen das Kartell in