Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Die Arbeit des Kartells in der zionistischen Organisation. Die Zitate genügen, um zu zeigen, daß vor 12 Jahren eine Generation sich in einer Lage befand, in der wir uns nun wieder gegenüber einem großen Teil auch in jener Zeit erzogenen Alten Herren befinden. Wir fragen, wie Erich Cohn damals: „die andern? Sie sind zerstoben und vergessen. Sie sind Zionisten gewese n." Diese Frage sei hier in ihrer ganzen Schwere angeschnitten. Sie ist nicht nur eine Frage der Alten Herren, sondern, wenn man sie ganz zu Ende denkt, eine sehr aktuelle Frage unserer heutigen Erziehung, eine Frage über das Thema „Zionismus und Wirklichkeit". Dieses wird man besonders dann einsehen, wenn man sich daran erinnert, daß der heutige Zionismus auch in Deutschland versucht, kulturell zu wirken. Ich erinnere daran, daß in allen größeren jüdischen Zentren die Hebraisierung und die Frage der jüdischen Kindererziehung und der jüdischen Schule immer mehr in den Vordergrund tritt. Hier wird das Kartell seine besten Kräfte liefern müssen, und es kann nicht sein, daß zionistisch und jüdisch gebildete Menschen nur außerhalb des Kartells gedeihen. Wenn mari allerdings als die einzige Aufgabe des Kartells den Kampf gegen die Assimilation sieht, wenn man sich bescheidet mit einem Vorkriegsprogramm, dann werden wir den Anschluß an die zionistische Bewegung verlieren. Dann werden wir nicht mehr wie früher ein anregender Faktor im zionistischen Leben Deutschlands sein. Sicherlich ist die Frage der Arbeit des Kartells in der zionistischen Organisation eine organisatorische, aber erst in zweiter Linie. Im Grunde ist sie die Frage des Kartells, eine Frage der Erziehung. IV. Nachträglich muß ich mich nun noch mit Teilen des letzten Artikels von H o 1 d h e i m beschäftigen. Holdheim zitiert im letzten J. St. einige Worte, die ich im Anschluß an den Leipziger Kartelltag über die Dienstpflicht geschrieben habe, und fragt, „ob wirklich ein nennenswerter Teil der Aktiven und Inaktiven Dienstpflicht leistet, und ob nicht das hohe Präsidium jetzt selbst einsieht, wie sehr der Beschluß Geste war, und wie wenig ihn innerstes Pflichtgefühl hervorrief." Er versucht hierdurch zu illustrieren, wie falsch und verhängnisvoll die Politik des Präsidiums ist, wie sehr die Führer des Kartells „auf einem Irrweg steuern" und wie „die Lüge des gegenwärtigen Zustandes nicht mehr erträglich ist". Zunächst sei zugegeben, daß nicht nur wir, sondern fast die gesamte zionistische Welt nach San Remo in einer Art Rauschzustand ver-< suchte, alle Kräfte anzuspannen und unsere erste Parole „Dieristpflicht" war ein naturgemäßer Ausdruck dieser Stimmung. Der Leipziger Kartelltag fand schon eine geklärtere und ruhigere Situation und anerkannte die Dienstpflicht im Prinzip und verüeh ihr konkrete Form in den zionistischen Arbeitsstellen. Es ist an der Zeit, einmal darauf hinzuweisen, was für uns „Dienstpflicht" bedeutet. Der Ausdruck ist so alt wie der HerzPsehe Zionismus. Dieselbe Schwierigkeit, die uns im allgemeinen zionistischen Leben die Tatsache macht, daß wir keinen Staat haben als allgemein anerkannte Institution, was besonders jedem deutlich werden mußte, bei der Frage des Budget auf dem letzten Kongreß, wo Halpern gerade auf die eigentümliche Lage, in der wir uns gegenüber anderen Völkern befinden, hinwies, dieselbe Situation haben wir, wenn wir von „Dienstpflicht" als Forderung sprechen. In einem normalen Staatsleben kann der Staat zum Dienst aufrufen, und jeder weiß, er übernimmt die Verantwortung für den Einzelnen. In Zeiten höchster Spannung setzt man, wenn es sein muß, als Entgelt seine Gesundheit oder sein Leben ein. Für den Einzelnen kann diese Dienstpflicht Patriotismus, Staatsgefühl, Zwang oder Schicksal bedeuten.