Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Organisation der Jugend 39 zierung, weil sie befruchtend ist. Aber wir brauchen darüber die zionistische Einheit. Die Sondergruppen müssen Glieder eines Körpers sein. Schon aber scheinen einzelne Glieder sich abzuschnüren, um ein eigenes Leben zu führen. Dem Ganzen fehlt leider meist die Kraft, solche Abschnürung zu verhindern. Nicht darauf kommt es an, daß Menschen aller Schattierungen den Ortsgruppen als Mitglieder angehören, sondern darauf, daß ihnen allen die zionistische Ortsgruppe als das Übergeordnete, Wichtigere, Wesentliche erscheint, und daß die Sondergruppe erst an zweiter Stelle kommt. So aber ist es nicht. Es gehört Begeisterung, höchster Idealismus, Großzügigkeit und Freiheit von aller Pedanterie dazu, um durch das große Gemeinsame das Trennende zu überwinden. Die Jugend besitzt diese Eigenschaften, soll sie jedenfalls besitzen. Aber durch den Gang der Entwicklung ist die Jugend dahin gebracht worden, daß bei ihr das Einigende durch das Trennende verdrängt wird. Wir haben K. J. V. und B. Z. K. als Studentenvereine — jede übrigens mit Sonder-Tendenzen, wie unten erörtert wird. Wir haben den HerzI- Bund für Kaufleute. Wir haben Poale-Zion, Zeire-Zion, Hapoel-Hazair als Arbeitervereine. Wir haben Mädchenklubs, Blau-Weiß, Misrachi-Jugendgruppen. Wir haben noch sehr viele andere zionistische Jugend vereine. Aber wir haben nicht den Zionistischen Jugendverein. Ich weiß, daß jeder dieser Einzelvereine seine Sonderaufgaben hat. Es gibt für den Akademiker im Zionismus Dinge, die es für andere nicht gibt. Es gibt für Kaufleute, für Schüler, für Thoratreue — kurz für jede Menschengruppe — berechtigte Sonderinteressen. Aber die Sonderinteressen überwuchern längst den Zionismus, die einigende gemeinsame Idee. Hand aufs Herz: Wenn heute eine Veranstaltung des K. J. V., des H. C, des Misrachi, des Mädchenklubs mit einer Veranstaltung der Zionistischen Ortsgruppe zusammentrifft, wohin geht man dann? Zur Ortsgruppe? Oder zur Sondergruppe? Wenn beide Teile die Arbeitskraft eines Menschen beanspruchen wollen, wer leidet darunter? Die Sondergruppe? Oder nicht vielmehr die Ortsgruppe? Man hat an vielen Orten Einrichtungen getroffen, um die Jugend zusammenzuhalten. Dazu sollte ein sogenannter „Jugendausschuß" dienen, d. h. eine Versammlung von Vertretern der Einzelvereine. Und man erreichte damit das Gegenteil von dem, was erreicht werden sollte. In Wahrheit nämlich bedeutet die Eingruppierung der Zionistischen Jugend in Einzelvereine, wie sie jetzt besteht, eine Züchtung von Klassengegensätzen. Und wenn man eine Prämie auf das wirksamste Mittel zur Stärkung dieser Gegensätze gesetzt haben würde, so müßte die Prämie dem Erfinder der „Jugendausschüsse" verliehen werden. Wer, wie der Verfasser, derartige Vertreterversammlungen — übrigens nicht nur aus zionistischer, sondern auch aus sonstiger Erfahrung — kennt, weiß nicht nur ein Lied, sondern einen Trauermarsch von ihnen zu singen. Ihr gutgemeinter Zweck — Uberbrückung von Gegensätzen, Zusammenschluß für gemeinsame Aufgaben im Wege des Kompromisses — mag unter älteren, erfahrenen Männern, die das Wort zu wägen wissen und die den praktischen Erfolg über das Prinzip stellen, oft erreicht werden. Bei der wortschnellen, nicht praktisch, sondern ideell orientierten, kompromißfeindlichen Jugend geschieht das Gegenteil. Man kommt zu den Versammlungen, um „seinen Standpunkt zu vertreten". Die Menschen scheiden aus, der Zionismus scheidet aus — der „Verein" feiert Triumphe. „Heute habe ich's dem Blau-Weiß ordentlich gegeben," erzählt der Vertreter der Gruppe X, ohne zu bedenken, was dabei für den Zionismus herauskommt. Unsere Jugendvereine sind heute eine traurige Fabrik des Klassengeistes. Ostjuden und Westjuden sind meist — mit der vielleicht einzigen Ausnahme des K. J. V. — reinlich geschieden. Die ostjüdischen