Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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28 liehe Zustände". Was not tut, ist, nicht Ubermenschen zu züchten, sondern Menschen heranzubilden; Menschen, die die Idee der jüdischen Erneuerung in ihrer ganzen Würde repräsentieren können. Es ist die Zeit im Kommen, wo auch die Elterngeneration sich mit der zionistischen Forderung abfindet und die politischen Gegensätze immer mehr verschwinden. Die menschlichen Gegensätze bleiben bestehen, und unser Bemühen sei darauf gerichtet, unser Anderssein immer klarer zu entwickeln und in die Erscheinung treten zu lassen. Mir scheint, daß hier der gebildeten zionistischen Jugend eine „Offenbarung" geboten wird, die es auch denen, die nicht hinübergehen können, möglich machen kann, die schweren Dienste am jüdischen Volke täglich zu bewahren. * Die Ubersiedlung nach Palästina bleibt unwandelbar als oberste zionistische Erfüllung bestehen. Wem Neigung zu einem Berufe verhilft, der ihn hinüberführt — o fortunate adulescens! Pflicht des Kartells bleibt es, die Übersiedlung möglichst vieler mit allen moralischen und finanziellen Mitteln zu fördern. Aber ich grüße die Zeit, wo Wort- und Programmfetischismus, wo die vielsagen wollende, in Wahrheit nichtssagende Redensart einer Gesinnung gegenübersteht, die sie in ihrer ganzen Lächerlichkeit entlarvt. Die Parole heißt: ernsthaft und wortlos seine Pflicht tun. Auch das, was ich als „neue Erziehung" umschrieb, sei ein einmaliges Losungswort, das um Gotteswillen nicht ideologisch verbrämt werden und zu Tode diskutiert werden darf, sondern durch freien Willen zum Eigenerlebnis werden muß. In voller Klarheit sei es gesagt, daß ich meine Worte vom Neuaufbau unseres Erziehungswesens nicht deshalb niedergeschrieben habe, um doch noch ein „Rettungsmittel" dem Kartell anbieten zu können und nicht so ganz negativ schließen zu müssen. Meine Scheu, als Älterer ein Ziel zeigen zu sollen, dessen Leuchtkraft vielleicht nur mir und wenigen mit mir sichtbar wird, hielt mich davon ab, in meinem vorigen Aufsatze davon zu reden. Nunmehr sehe ich Verpflichtung, euch zu sagen, daß auch ich noch eine Möglichkeit für eine Erneuerung des K. J. V. - Lebens erblicke. Aber nicht vom Worte eines Einzelnen kann sie ausgehen, nicht von der Diskussion und dem feierlichen Beschluß. Aus dem tätigen Willen derer, die gleich mir die Notlage unserer Erziehung verspüren, wird sie geboren. Nichts kann mir ferner liegen, als in die von mijr gegeißelte Methode zu verfallen und anderen Wünsche einzureden, die ihnen gar nicht eignen., Mein Wort sei Ermutigung für alle die, die an den unter - menschlichen Zuständen schon litten, bevor ich ihnen hier Kennzeichnung verlieh. Lebt im K. J. V. ein Kern solcher Menschen, die den- Zwang in sich fühlen, hier Ernst zu machen und bildend auf das Leben der anderen einzuwirken, dann werden wir eine zionistische Erziehungsgemeinschaft haben, die über ihre Daseinsberechtigung nicht mehr zu debattieren braucht — mag sie K. J. V. heißen oder sich sonstwie nennen. Aber nur die Jugend selbst kann hier wirken und nur die Menschen, die die Schaffung der neuen jüdischen Gesellschaft als ureigenste Verpflichtung empfinden. Wir Älteren aber werden, eindringlicher als je, die Alten Herren zum Dienste am Volke aufrufen.