Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Mein Beitrag zur Diskussion 27 Theorie aus der Welt schaffen, aber sie läßt sich mildern, indem wi* neben dem Ziel treuester Pflichterfüllung das schon hier im Galuth als Ideal proklamieren, was dem Aufbau Palästinas seinen eigentlichen Sinn verleiht: die Schaffung des neuen jüdischen Menschen. Ich weiß, daß diese Forderung keinen Anspruch auf Originalität erheben kann, ich weiß aber, daß sie noch nie mit letzter Ernsthaftigkeit als Ziel empfunden wurde. Das neue K. J. V. muß die Kraft finden, seine ganze Erziehung neu umzustellen. Es ist nicht platonische Forderung, sondern es ist in den Grenzen erreichbar, die jeder idealen Zielsetzung stets gesteckt sind. Nicht die „Utopie" eines Edelmenschentums wird hier gefordert, wie es unser verstorbener Bundesbruder Erwin Goldemann vor etwa zehn Jahren im B. J. C. tat. Adel ist eingeboren, und es wäre von Übel, prätentiöse Stimmungen zu erzeugen. Aber all das Menschentum, was in unseren Leuten verschüttet lagert, gilt es, aus den dunklen Schächten ihres unbewußten Lebens heraufzuholen, das heißt Erziehung im wahren Sinne zu leisten. Wenn diejenigen jungen Bundesbrüder, die von der Notwendigkeit der Aufgabe durchdrungen sind, den großen Reinigungsprozeß einleiten, der uns viele Menschen kosten wird, aber freie Luft zum Atmen schafft, dann kann es wieder Tag werden im K. J. V. Und ich sage mit Isserlin: Und sollten das nur 200 oder 300 sein, dann sind diese eben das K. J. V. * Man gestatte mir zum Schlüsse eine persönliche Bemerkung. Mein Artikel hat bei manchen offenbar das Gefühl hervorgerufen, als hätte ich ein persönliches Bekenntnis abgelegt und gar aus eigenen Nöten eine Theorie für das Kartell konstruiert. Wer mich kennt, weiß, daß ich persönliche Bekenntnisse vor einem großen Forum nicht abzulegen pflege, er weiß ferner, wie sehr ich bei bestimmten Gelegenheiten es verurteilt habe, wenn etwa persönliche Resignation gar zur Parteibildung führt. Aber selbst die mich nicht kennen, hätten doch merken müssen, daß ich nicht das Problem der Altherrenschaft, sondern das der K. J. V.-Jugend behandelt habe. Den leichtfertigen Kritikern, die mir einfach die Kenntnis der jungen K. J. V.er absprechen wollten, kann ich nur versichern, daß sie im Irrtum sind. Ich glaube mir einen guten Blick bewahrt zu haben für die realen Verhältnisse, die im K. J. V. herrschen, und wer ehrlich ist, muß einfach zugestehen, daß es für die leitenden Posten in der deutschen Zionistenorganisation vollkommen an Nachwuchs fehlt. Ich erinnere die Teilnehmer des Weizmann-Abends im Berliner K. J. V., daß auch Weizmann sich sehr ernst im gleichen Sinne geäußert hat. Exakte Beweise für meine Thesen kann ich nicht anbieten, und wer mit der scheinbaren Konsolidierung zufrieden ist, der bleibe es in Gottes Namen. Meinen ersten Aufsatz habe ich ganz gewiß nicht aus Sensationssucht geschrieben, sondern allein deshalb, weil ich zu sehen meinte, daß die Führer des Kartells, an deren ernstester Bemühung nicht der leiseste Zweifel bestehen kann, das Kartell auf einen Irrweg hinsteuern und die Lüge des gegenwärtigen Zustandes nicht mehr erträglich ist. Mein erster Aufsatz war reine Kritik. Man mache mir dies nicht zum Vorwurf. Es gibt auch Kritik, die fruchtbare Wirkung zeitigt, wenn sie zu Erkenntnis verhilft. Ich glaubte auch, in dem Organ akademisch gebildeter Menschen einmal eine geistige Angelegenheit unabhängig davon behandeln zu dürfen, ob es der „Stimmung" Abbruch tut oder nicht. Einen jener periodisch wiederkehrenden Krisenartikel wollte ich ganz sicherlich nicht schreiben, ich hoffte, die Wurzel der Krise aufzeigen zu können. Im vorliegenden Artikel habe ich, soweit es der Raum gestattete, meine Argumente fundiert, und diesmal habe ich auch einen Ausweg zu zeigen versucht. Mit der Forderung der neuen Erziehung ist es mir bitter ernst. Ich glaube, daß sich die neue Jugend, die das Unglück hat, die große Zeit des utopischen Zionismus nicht mehr erlebt zu haben, das Glück bereiten kann, „die Sünden der Väter" wieder gut zu machen. Im K. J. V. herrschen heute (ich zitiere einen mir nahestehenden jüngeren Bundesbruder) noch vielfach „Untermensch-