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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 26)
Language
German
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26 Mein Beitrag zur Diskussion aber, daß es unmöglich ist, Erziehung allein sub specie politica zu betreiben, sozusagen nur um des zionistischen Zweckes willen bestimmte menschliche Eigenschaften auszubilden. Hat das K. J. V. den Ehrgeiz, eine neue jüdische Gesellschaft zu schaffen, dann muß die Erziehung vom Zweekcharakter frei sein und sich zum Selbstzweck konstituieren. Ich weiß mich mit älteren und auch ganz jungen Bundesbrüdern einig, wenn ich die traurige Tatsache ausspreche, daß in unserem Kreise mehr Unerzogenheit und menschliche Unsauberkeit sich breit macht, als wir vertragen können. Die Forderung der Disziplin, die von jeher mit Recht erhoben wurde, erschöpft sich nicht allein darin, Ein- und Unterordnungsgefühl zu übermitteln, sondern sie umfaßt weit mehr. Vor allem den Sinn für menschlichen Abstand, gemeinhin Anstand und Takt genannt. Die ghettomäßige Nonchalance, die plumpe Vertraulichkeit, die vor der persönlichen Würde des Mitmenschen nicht Halt zu machen weiß, sitzt vielen unserer Leute (oft den zionistisch Besten) zu tief im Blut: Man hat den Sinn dafür verloren, daß ohne peinlichste Innehaltung bestimmter gesellschaftlicher Formen ein Zusammenleben einfach nicht möglich und nicht erträglich ist. Es liegt mir, der ich von meinem ersten Semester an dagegen gekämpft habe, nichts ferner, als dem, was man studentischen Formalismus nennt, irgendwie das Wort zu reden. Daß wir uns von den akademischen Formen völlig emanzipiert haben, begrüße ich aufs lebhafteste. Aber es gibt Formen, in denen sich der Respekt vor der Person des andern verkörpert und derer keine Gesellschaft sich entledigen kann. Es ist ein Irrtum anzunehmen, daß Formen nur dann ihre Berechtigung haben, wenn die Menschen sich fremd gegenüberstehen. Für mein Empfinden sind sie mindestens so unentbehrlich im Verkehr mit Nahestehenden. Ohne sie ist keine Ehe, keine erotische Beziehung, keine Freundschaft denkbar, denn sie sind der Ausdruck der Achtung, die man dem andern erweist. Je näher man sich steht, um so schonungsvoller muß man darauf bedacht sein, nicht ungefragt in Bezirke einzudringen, die. dem Menschen allein gehören. Ist demnach die rücksichtslose Bekämpfung der „Esoistimmüng" die eine" Forderung, die ich erhebe, so wünsche ich andererseits eine gründliche Hebung unseres Bildungsniveaus. Um Mißverständnisse gleich abzuschneiden, erkläre ich, daß ich unter „Bildung" nicht etwa besondere Geistigkeit und noch weniger Viel wisserei verstehe. In dem allein erkenne ich den gebildeten Menschen, der bei aller entschiedenen Wahrung seiner persönlichen Meinungen sich frei weiß von der engherzig gen .Betrachtungsform, der die Welt nur ihre Vorstellung bedeutet. Man muß auch Andersdenkenden und Andersempfindenden gerecht werden können und sich sogar nicht scheuen, auch von ihnen zu lernen. So sehr der Zionismus unseren Menschen zur obersten Aufgabe ihres Lebens werden muß, so sehr müssen sie sich davor bewahren, nunmehr alle Lebenserscheinungen nur unter dem zionistischen oder gar noch zionistisch-fraktionellen Gesichtswinkel zu betrachten. Ich messe der Scheuklappigkeit einen beträchtlichen Teil zu .an den unerfreulichen Zuständen im Karteil, und es verlohnte, in einem besonderen Aufsatze an der Hand von Beispielen in diese Finsternisse hineinzuleuchten. Ich resümiere: Die Aufgabe des neuen K. J. V. sehe ich darin, daß sie Keimzelle wird für die neue jüdische Gesellschaft, die wir trotz 25 Jahren Zionismus noch immer nicht besitzen und so dringend brauchen. Eine Gesellschaft entsteht nicht dadurch, daß man nach Formen sinnt und Satzungen beschließt, sondern nur dann, wenn man die menschliehen Bedingungen schafft, unter denen sie entstehen kann. Wenn es uns in Berlin trotz aller krampfhaften Versuche nicht gelingen will, einen gesellschaftlichen Zusammenschluß der tätigen Zionisten zu erreichen, so rächen sich hier die Sünden der alten Kartellerziehung. Dem neuen Geschlechte erwächst hier eine Aufgabe, schwer und mühevoll, aber unerhört bedeutungsvoll und lockend in ihren Perspektiven. Die Tragik, Ubergangsgeneration sein zu müssen, läßt sich durch keine

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