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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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24 selbst Genüge getan haben. Niemand predige den Idealismus, den Dienst am Volke, die Verachtung materieller Güter, der selbst einen Beruf ausübt, der mit allen diesen Anschauungen in Widerspruch steht." Diese schönen Sätze stammen von Löwenstein (Januar J. St. 1921, S. 12 ff.), und sie geben treffend das wieder, was ich mit erheblichem Widerwillen feststellen muß. Leider zieht jedoch Löwenstein eine andere Konsequenz aus seiner Erkenntnis als ich. Während ich die Divergenz zwischen Forderung und Erfüllung dadurch beseitigen will, daß ich für eine Normalisierung der Forderung eintrete, will Löwenstein die maximale Forderung bestehen lassen und die Menschen durch Erziehung der Forderung gewachsen machen. Löwenstein begeht hier den schweren Fehler, daß er die psychologischen Bedingungen unserer Menschen verkennt. Forderungen von so schwindelnder Höhe kann man nur an einige Wenige stellen, die aus ihrer ganzen Veranlagung heraus für sie prädisponiert sind und denen sie der Ausdruck ihres eigensten Lebens bedeuten. Eine Masse aber, wie die vielen Hundert der aktiven K. J. V.er bleibt bewegungslos, selbst wenn die Aufstachelung der Führer sie dazu gebracht hat, aus Furcht vor der eigenen Schwäche die Forderung platonisch anzuerkennen. Es ist so schwer, den Menschen, die der rein, idealistischen Weltauffassung huldigen, klar zu machen, daß das Leben Gesetze kennt und auch der Wille sich diesen Gesetzen subordinieren muß. Wie ohnmächtig der menschliche Wille auch dort sich erweist, wo wirklich äußerstes und sehnsüchtigstes Verlangen zum lockenden Ziele hintreibt, müßte eigentlich fast jeder aus eigener Erfahrung wissen. Es spottet die Göttin avaYrj über die ungestüme Ohnmacht des Erdenmenschen. Wenn aber das Erlebnis, das dem Willen Form und Richtung verleiht, nicht einmal dem eigenen Leben entströmt, sondern heteronomen Einflüssen seine Entstehung verdankt, wenn nicht reinstes Feuer, nicht das jeden Widerspruch vernichtende Gefühl, nur so und nicht anders zu können, in rauschendem Flügelschlage die menschliche Brust durchkreist, dann haben die widerstrebenden Mächte gewiß ein leichtes Spiel. Es ist mein Glaube und das Ergebnis meiner Erfahrungen, daß Erziehung nur soweit taugen kann, als es schlummernd s Kräfte zu lösen und zu entfalten güt, daß aber der Erzieher seine Kompetenz überschreitet, wenn er die nur ihm eigenen Wunschbilder dem andern zu vermitteln sucht. Und ganz bestimmt versagt der Erzieher, wenn er nicht selbst Vorbild sein kann. Löwenstein, dem auch der Gegner gern den ehrlichen Verwirklichungswillen bescheinigen wird, ist einer der ganz Vereinzelten, der das Recht hätte, von anderen zu fordern. Aber für die meisten andern gilt der Satz aus Wreszynskis ausgezeichnetem Artikel: „Auch sie haben jene Forderungen erhoben, auch sie sind bis heute nicht drüben, auch sie werden in absehbarer Zeit nicht hinübergehen, aber das veranlaßt sie nicht zu innerer Einkehr. Die Hauptsache ist ja die radikale Forderung, das erhebende Gefühl, in der Reihe der Vollwertigen zu stehen." Ich muß, so schwer es mir auch fällt, aus Raumgründen darauf verzichten, zur Frage der „Berufsumschichtung" all das zu sagen, was ich eigentlich zu sagen hätte. Wenige Worte müssen genügen. Ich bin wieder mit Löwenstein einig, wenn er sagt: „Wenn wir wollen, daß Menschen aus dem inneren Zwiespalt zwischen Beruf und zionistischer Gesinnung herauskommen, wenn wir mit anderen Worten unsere Menschen zu einem einheitlicheren Leben führen und sie damit glücklicher machen wollen, so wäre es in der Tat das Verkehrteste und Verantwortungsloseste, wenn wir das auf diese Weise zu erreichen suchen, daß wir sie nunmehr zu Berufen führen, zu denen sie keine Neigung haben, daß wir von ihnen sogenannte Opfer in ihrer Berufswahl um des Zionismus willen verlangen und damit neues Unglück heraufbeschwören. Ich glaube, daß das jüdische Volk genug Menschen hat, die . . . zerf rissen und unglücklich sind. Mit solchen Menschen können wir nie-

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