Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Mein Beitrag zur Diskussion meinde zum Frühstück gebeten wird, wo führende Notabein (nach dem Bericht eines Augenzeugen) ihre Kleinheit empfinden lernten — eine solche Zeit kann einfach nicht verglichen werden mit der ante 1914. Man kann es bedauern oder begrüßen: der Zionismus hat es zur Salonfähigkeit gebracht. Und alle von mir gewiß nicht verkannten gesinnungsmäßigen Differenzen zwischen Alt und Jung können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der heutigen Jugend die zionistische Idee nicht mehr in gleichem Ausmaß wie früher als „Umwertung aller Werte" erscheinen kann. So unwohl wir uns bei solchen Feststellungen auch fühlen,, es heißt dennoch, die historische Entwicklung sachlich zu würdigen und mit der notwendig anders gearteten Disposition unserer neuen Menschen zu rechnen. Perl hat unrecht, wenn er mir vorwirft, ich ließe nicht zu, daß etwas „sein kann, was nicht sein darf". Ich habe weiß Gott nicht an einem grünen Tisch eine Theorie erfunden und die Menschen so geschildert, wie sie nach dieser Theorie sein müssen. Ich fühlte mich vielmehr umgekehrt erst durch meine Kenntnis der neuen Zustände und Menschen dazu gedrängt, nach den Ursachen für das erfahrungsmäßig Festgestellte zu forschen. Doch lassen wir die Frage der zionistischen „Offenbarung" der neuen Jugend auf sich beruhen. Selbst dann, wenn ihr der Zionismus in gleichem Maße wie uns Urerlebnis bedeutete, erhebt sich ein zweites noch ernsteres Fragezeichen. Kann Jugend mit einer Losung gesättigt werden, zu deren Begreifen und Bejahen erst schmerzvolles Eigenerleben führen kann? Ich komme hiermit zu einem der ernstesten Probleme jeder Erziehung, das leider hier nur angedeutet werden kann. Die Frage lautet: Ist es pädagogisch zu rechtfertigen, Erfahrungen, die der junge Mensch selbst machen, Erlebnisse, die er selbst erleiden muß, ihm vorweg zu nehmen und ihn somit notwendige Stufen seiner Entwicklung überspringen zu lassen? Ein Beispiel mache klar, was ich meine: Ein Junge kommt zu seinem Vater und beschwärmt seine „Sekundanerliebe", die ihn aus den Fugen reißt. Der Vater lächelt in seiher Weisheit: Sieh, mein Junge, was du erlebst, sind die ersten starken Regungen deines erwachenden Geschlechtslebens. Wie es dir jetzt geht, geht es jedem Jungen, deinen Sehnsuchtstraum träumt jeder Mensch einmal in seiner Jugend. Aber du weißt heute noch gar nicht, was eigentlich Liebe ist. Auch ich habe mal früher (sein Auge wird feucht, der Sohn sieht es nicht) Oden an die ferne Geliebte verbrochen, auch ich habe ähnlich ziellos geschwärmt wie du. Doch das Leben hat mich gelehrt, daß Leidenschaft noch lange keine Liebe bedeutet. Liebe ist stille, starke, schwere Arbeit, die zwei gereifte Menschen aneinanderleisten. Sie ist Ziel und nicht Anfang, nicht wildes, zügelloses Aufflackern der Sinne, sondern unendliche Weite des Herzens. Es gibt keine Erfüllung des Liebestraums, da ein irdisches Ziel dem ewigen Sehnen des Herzens nicht Grenze setzen kann. Selbst im glücklichsten Falle zwingt irdisches Liebesobjekt zu Verzicht. Werde älter usw. usw. Da ich jedes Karikieren vermeiden wollte, habe ich einen recht vernünftigen Vater sprechen lassen, der seine persönlichen Erfahrungen vor dem Sohne ausbreitet. Man kann sein Verfahren begreifen. Kann man es billigen? Was ist das Ergebnis? Entweder belächelt der Junge die „Ideallosigkeit" des Vaters und enthebt ihn seines Vertrauens, oder er nimmt die Weisheit des Vaters an, ohne daß sie aus seinen inneren Bedingungen erwachsen ist und sein originäres Erleben bedeutet. Ich muß es mir versagen, die großen Übelstände zu beleuchten, die unserer Erziehung dadurch erwachsen, daß Führer Parolen ausgeben, die ihrer jeweiligen Erkenntnis und Entwicklung entsprechen und dann die Gefährten die Heilsworte blind nachbeten und abgeleitete Erlebnisse aus ihnen schöpfen. Ich möchte an mein Beispiel anknüpfen, das ganz willkürlich gewählt ist und allgemein bemerken, daß ich dem Versuche, Entwicklungsstufen zu antizipieren, sehr skeptisch gegenüberstehe. Wie