Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Welt aus sich heraus voraussetzungslos und absolut zu gestalten und alle Tragik unseres Erdendaseins darin liegt, daß es eine avaynr\ gibt. . . . Das Liebste wird vom Herzen weggescholten, Dem harten Muß bequemt sich Will' und Grille* So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren Nur enger dran, als wir am Anfang waren. Derselbe Goethe, dessen Autorität ich soeben angerufen habe, prägte die von Blumenfeld neuerdings mehrfach gegen mich zitierten Worte von „schwerer Dienste tägliche Bewahrung". Ich gehe mit Blumenfeld darin einig, daß man der heutigen zionistischen Situation nur dann gerecht werden kann, wenn man den Menschen das Bewußtsein des täglichen Dienstes am Volke einhämmert und sie dazu erzieht, auf „Offenbarungen" nicht zu rechnen. Ich bin aber äußerst bedenklich, ob man mit diesem Goethewort als Losung eine Jugend und gerade unsere Jugend entzünden kann. „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung." Ist das nicht weise Erkenntnis des reifen Mannes, hört ihr nicht aus dieser Melodie Verzicht und Resignation? Man darf allerdings nicht unter „Resignation" so etwas wie Müdigkeit und Lebensüberdruß verstehen. Es ist ein sehr positives, ein sehr männliches Gefühl, das dem eignet, der begriffen hat, wie sehr Welt und Schicksal dem Wunschbilde des Menschen spotten, der aber dennoch mit unzerstörbarem Lebenswillen sein Dasein sinnvoll zu gestalten strebt. Resignation ist jene seelische Haltung, die es belächelt, wenn der Mensch anzurennen sucht gegen iioiQa und avayxr] und sich nicht zufrieden geben will mit den engen, aber durchaus lebensmöglichen Grenzen, die die Natur dem Sterblichen gezogen hat. Resignieren, „wie ich es auffasse", heißt nicht, die Partie des eigenen Lebens aufgeben, sondern freien Auges und mutigen Herzens auch dann noch dieses Leben bejahen und seine Verpflichtungen anerkennen, wenn es Wunden bereitet und die eigene Ohnmacht bloßgelegt hat. Der köstliche Besitz einer Empfindungswelt, die den Menschen befähigt, die Forderung des Dienstes am jüdischen Volke nicht nur zu stellen, sondern auch zu erfüllen, setzt aber, wie mir scheint, zweierlei voraus, zuerst, daß ihm einmal die große Offenbarung der zionistischen Idee geworden ist. Denn das ist sicher, daß der Trabant der zionistischen Flamme bleiben muß, wer einmal das schmerzvolle Glück hatte, sein Herz in ihrer lodernden Glut erbeben zu fühlen. Es plagt mich aber der Zweifel, ob der heutigen Jugend in einem prozentual ähnlichen Verhältnis die zionistische Besessenheit innewohnen kann wie uns Älteren. Das ist ganz gewiß keine Konstatierung einer Wertverschiedenheit, sondern aliein die bange Erkenntnis einer nicht wegzuleugnenden Realität. Es ist falsch, wenn Paul Hirsch behauptet, daß der neuen Jugend Zionismus noch in gleichem Maße „Utopie" bedeutet, daß in ihr der „Geist des Protestes" ebenso stark rumort wie der Generation vor St. Remo. Auch ich weiß, Paul Hirsch, daß in der großen Mehrheit des Volkes Mauscheltum steckt, auch mir ist nicht unbekannt, Isserlin, daß die jüdische „Bourgeoisie" Deutschlands in einem tieferen Sinne auch dann antizionistisch bleibt, wenn sie für denKeren Hajessod zeichnet. Aber der ist blind oder stellt sich blind, der die! völlige Veränderung in der Psychologie unserer Elterngeneration verkennt. In diesen Menschen ist die „Ehrfurcht" vor den „gegebenen Tatsachen" zu tief verankert, als daß sich nicht ihre Einstellung zu eitler politischen Realität unterschiede von der zu einer utopischen „Narrheit" jugendlicher Schwärmer. Der Weizmann-Empfang in Berlin dürfte dies deutlich genug gezeigt haben. Eine Zeit, in der es möglich wurde, daß das zionistische Oberhaupt von Reichspräsident und Reichskanzler empfangen, vom Auswärtigen Amt und — sogar von der jüdischen Ge-