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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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20 Mein Beitrag zur Diskussion der Meinung meiner Kritiker alles gesagt haben soll und jedes törichte Vorbringen einzeln zu widerlegen. Ich will sogleich zur Sache kommen. Der Kern meiner Gedanken war der: die zionistische Situation hat sich geändert, vor dem Kriege war uns Zionismus im wesentlichen Verschwörergesinnung, Kampf gegen die ältere Generation, Propaganda, kurz Leben in der „reinen Idee". Die Forderung der Übersiedlung wurde wohl theoretisch gestellt, aber so etwas wie Chaluziuth gab es nicht, konnte es nicht geben, da an einen „Aufbau" im heutigen Sinne nicht zu denken war. Es ist ein Irrtum, wenn Isserlin den Einschnitt von San-Remo als Irrelevant bezeichnet. Auch mir ist die Posener Resolution bekannt, auch ich weiß von den Wanderfahrten nach Palästina und den kleinen Ansätzen zu Achusothgründungen. Aber man sage mir, ob jemals die praktische Frage der Ubersiedlung auf Kartelltagen oder im j. St. ernsthaft diskutiert, ob sie als integrierender Bestandteil der Erziehung angesehen wurde. Gewiß dachten die ernsthaften Leute damals daran, einmal späterhin nach Palästina zu kommen, aber man hatte doch fast ausnahmslos einen akademischen Beruf oder das schöne Rentnerdasein im Auge. Wie völlig neu für uns die Vorstellung ist, daß unsere Leute auch für den Beruf des landwirtschaftlichen Arbeiters in Frage kommen könnten, möchte ich an einem Beispiel illustrieren. Auf der K. J. V.er-Tagung, die kurz vor der Balfourdeklaration stattfand, sagte Lichtheim: ,,. . . Ich bin der Meinung, daß ein Westeuropäer nicht nach Palästina gehen soll, wenn er nicht über Mittel verfügt und in der Lage ist, sich so anzusiedeln, daß er ein menschenwürdiges Dasein führt, wie etwa ein Farmer in Südwestafrika, Menschen, die durch ihre ganze Erziehung dahin geführt sind, daß sie als selbständige Besitzer tätig sind. ... Es müssen die Leistungsfähigsten von uns hinübergehen als Führer und Pioniere, so wie heute junge Engländer nach Indien und Deutsche nach Südwestafrika." Ich höre noch den mir damals sehr unsympathischen Beifallssturm, der dieser Rede folgte (J.St. Dezember 1917 Seite 17 ff). Ich will nicht vom Thema abkommen. Meine viel angefochtene These lautete dahin, daß früher jeder, der die Anforderung, die die Idee damals stellte, zu erfüllen glaubte, vom „befreienden Gefühl der 100 %ig gelebten Idee" ergriffen wurde. Daß nicht sehr viele selbst diese Anforderung erfüllten, weiß ich so gut wie Paul Hirsch, Perl, Silber usw. Aber es war eine Forderung, die erreichbar schien und auch bei angespanntester Erziehungsarbeit bei nicht wenigen erreicht wurde. Es ist wirklich belanglos, ob die Kampfstimmung und die Leistungen der früheren Zeit objektiv als „zionistische Tat" zu werten sind, und ich gebe Perl ohne weiteres recht, wenn er behauptet, daß unter Umständen der geringere Prozentsatz neuer Währung mehr zionistischen Wert besitzt als der höhere der alten. Entscheidend ist, wie das Bewußtsein unserer Menschen damals und, heute reagiert. Jugend strebt nach Ganzheit; Jugend hat den immanenten Drang nach Seinserlösung. Es ist das Schicksal des Menschen, mit späterem Alter erst zu begreifen, daß die Lebensprobleme nicht dazu da sind, gelöst zu werden, sondern daß Kampf nur selten zum Sieg, fast immer zur Entsagung führt. Wer das, was ich Entsagung heiße, was man auch Demut und Bescheidenheit nennen kann, mit Schwäche, Philisterträgheit und feistem Onkeltum identifizieren möchte, verrät, daß er bei aller guten Gesinnung über eine Oberflächlichkeit seines Denk- und Erlebens Vermögens nicht hinausgelangt ist und ihm die Gewichte fehlen, umi die Schicksalhaftigkeit dieses Lebens zu begreifen. Gewiß duldet Bekennermut und Ernsthaftigkeit der Lebensführung keine Rabbatierung, und die Abstriche setzen erst da ein, wo es erkennen heißt, daß menschlicher Wille und lauterstes Streben seine Grenze hat an der harten Welt der äußeren und inneren Tatsachen. Der reifer gewordene Mensch hat erfahren gelernt, daß Wille und Geist allein nicht vermögen, die

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