Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Ist Holdheim ein Ketzer krepanz zwischen Wollen und Können ist gegeben. Die Jugend kann diesen Zwiespalt nicht überbrücken, sie steht ihm machtlos gegenüber. Da er nicht aus der Welt zu schaffen ist, muß das Kartell an ihm zugrunde gehen. Wo liegt der Trugschluß? Holdheim sagt, Zionismus "bedeute Chaluziuth. Ich frage: Nichts weiter? Mißversieht mich nicht! Nicht soll darin eine Herabsetzung dessen liegen, was alles an Großem und Erhabenem dieses eine Wort für unser Empfinden in sich birgt, aber ist es wirklich so, daß wir heute nur Chaluzim brauchten, damit Palästina unser werde? Wohlan, sie sind da, genug und übergenug, jedes Kind weiß, daß Hunderttausende bereit stehen und Einlaß ins Land begehren. Wer öffnet es ihnen, wer bringt sie hinüber? Genügt es, eine Armee zu haben, wenn man sie nicht einsetzen kann? Gewiß ist es rühmenswert, in der vordersten Frontlinie zu kämpfen, und von jeher war es das Privileg des Frontkämpfers, mit Uberhebung auf die Etappe herabzublicken. Das ist der Standpunkt des einfachen Mannes, für uns Akademiker sollte das kein Wertmesser sein. Wenn wir die Notwendigkeit der Etappe erkennen, die Notwendigkeit des Diaspora-Zionismus, ohne den Palästina nie wird aufgebaut werden können, dann sollen wir uns hüten, diejenigen, die hier treu ihre Pflicht erfüllen, zu verbittern, indem wir ihnen, die vielleicht wahre Chaluzim der Selbstverleugnung, der Entsagung und Unterordnung sind, den Vorwurf der Halbheit machen. Ist es nicht unwürdig, auf der einen Seite die Unentbehrlichkeit der Galutharbeit anzuerkennen und auf der anderen ihre Träger zu Zionisten niederer Ordnung zu stempeln? Den Herrenstandpunkt, daß, was für die Kanaille gut ist, es noch lange nicht für uns ist, sollten wir im K. J. V. nicht anerkennen. Darum macht ein Ende mit den selbstquälerischen Vergleichungen zwischen Palästina- und Galuth-Zionismus, hört aut zu untersuchen, welcher von beiden der wertvollere sei! Palästina- und Galutharbeit sind nur zwei verschiedene Seiten ein und desselben Problems, die beiden Komponenten einer einheitlichen Kraft. Das Problem heißt die Judenfrage und die Kraft ist der jüdische Wille. Jeder entscheide sich nach seinen Fähigkeiten und seinen Neigungen, wo er aber steht, dort leiste er das beste! Was wir schaffen müssen, ist ein Maßstab für die Bewertung dieser beiden Erscheinungsformen des Zionismus, der Palästinaarbeit und der Galutharbeit, wie es Bileski in seinem Nachwort zu dem Holdheimschen Artikel treffend sagt: ,,Wir müssen von unsern Bundesbrüdern fordern, daß sie ihre persönliche Entwicklung nach zionistischen Gesichtspunkten bewerten lernen." Was diese zionistischen Gesichtspunkte sind, das herauszustellen müssen wir dem gesunden Geist unserer Verbindungen überlassen. Ich für meine Person, und wohl viele mit mir, muß *es ablehnen, die von Holdheim vertretene Auffassung als maßgebenden zionistischen Gesichtspunkt anzuerkennen. Um nun auf das „Problem" zurückzukommen, das die Veranlassung und den Rahmen zu dem Holdheimschen Artikel gegeben hat, die Krisis im Kartell, so liegt hier in der Tat eine Existenzfrage für das K. J. V., aber in ganz anderem Sinne als Holdheim sie auffaßt. Holdheim begeht den Fehler, daß er, statt sich von dem Leben der Verbindungen durch eigene Anschauung zu überzeugen, den Verbindungsberichten und den Erzählungen einzelner vertraut. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Holdheim in einer Zeit, wo das Kartell deutlich für jeden, der es sehen will, Zeichen innerer Kräftigung und äußerer Fortschritte aufzeigt, dazu kommen konnte, das seit dem Leipziger Kartelltag totgeglaubte Gespenst der permanenten Krisis wieder von neuem aufs Tapet zu bringen. Daß es geschehen konnte, beweist mir, daß dieselben Kräfte, die das Kartell seit Kriegsende aus inneren Kämpfen nicht herauskommen ließen, noch immer heimlich am Werke sind, dieselben, die ein junger Bundesbruder kürzlich treffend als die Phrasenschmiede, Kritikaster und Jeremiasse der Verbindungen gekennzeichnet hat, jene von Natur trägen und Un-