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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Ist Holdheim ein Ketzer 15 brüdern, die ihn davon abgehalten haben, dem Kartell neue Heilmethoden, ein neues Rezept, anzuempfehlen, deren Anwendung nachgerade dazu führen muß, die Krankheit auch den bisher noch nicht betroffenen Gliedern am Körper des K. J. V. mitzuteilen — sondern die bedauerliche Tatsache, daß es unseren Flaumachern gelungen ist, den Zwiespalt und den Geist der Verneinung in das Lager derjenigen hineinzutragen, die von uns Jüngeren als zu uns gehörig betrachtet wurden. Mir will es seheinen, und die Hoffnung, der Holdheim am Ende seiner Ausführungen Ausdruck gibt, daß es gelingen möchte, ihn von der Falschheit seiner Diagnose zu überzeugen, bescärkt mich darin, daß Holdheim ein Opfer der Selbsttäuschung geworden ist, die ihn dazu trieb, ihm selbst fremde Gedankengänge fortzuspinnen und aus dem, was andere sagen, die logischen Folgerungen zu ziehen. Und weil ich auch die Möglichkeit nicht ganz von der Hand zu weisen vermag, daß Holdheims Artikel nur als ein Mahnruf gedacht ist, wenn auch einer von den falsch angebrachten, ihren Zweck verfehlenden, daß ihm die Erhaltung des Kartells ebenso am Herzen liegt wie irgend einem, darum kann ich ihm nicht den Gefallen tun, ihn Defaitist und Mießmacher zu schelten und ihm dadurch vielleicht indirekt Grund zu geben zu glauben, daß er richtig gesehen und das Kartell richtig beurteilt hat. Aber ebensowenig vermag ich es, ihm die dem Ketzer gebührende Bewunderung zu zollen, einzig und allein, weil er Unangenehmes ohne innere Uberzeugung und Schwung zu sagen wagt. Mit demselben Recht könnte der Verbrecher Revolutionär, der Narr Märtyrer genannt werden. Aber auf eine bedenkliche Erscheinung möchte ich doch hinweisen, für die mir der Holdheirnsche Artikel symptomatisch erscheint, die Kartellfremdheit der meisten unserer Alten Herren, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Verbindungen verloren haben, das Leben der Verbindungen nicht kennen und dann auf Grund von Berichten, die ihnen von einer gewissen Kategorie von Konventsrednern und Neunmalklugen nur allzu bereitwillig serviert werden, sich ein Bild des Kartells zurechtlegen, das von der Wirklichkeit soweit entfernt ist, wie ihre Gewährsmänner vom wahren Geist des K. J. V. * Was zwingt Holdheim dazu, „die tieferen Ursachen der permanenten Krisis zu erforschen", in der sich angeblich das Kartell seit Kriegsende stets befunden hat? Er sagt selbst, daß es das ewige Gejammer über Mißerfolge und mangelnden Gemeinschaftsgeist ist, das ihm aus J. St.en und sonstigen Berichten entgegenleuchte. Wo so viel gejammert wird, schließt er weiter, muß etwas nicht in Ordnung sein, und wenn etwas nicht in Ordnung ist, so muß das seinen Grund haben. Weil ihm aber kein einleuchtender Grund einfällt, so schiebt er die Schuld auf das Menschenmaterial, weil es aber an und für sich wenig glaubhaft erscheint, daß unsere heutige Jugend um so viel schlechter ist als die vorige Generation, sucht er ihr Versagen auf außerhalb ihrer wirkende Ursachen zurückzuführen. Wenn etwas bewiesen werden muß, dann fällt gerade dieser Beweis am wenigsten schwer. Es ist in der Tat so, daß die Zeitumstände sich geändert haben, daß der Zionismus von heute etwas anderes — nebenbei: mehr — fordert als der der Vorkriegszeit, daß es schwerer ist, den Maaßer an Zeit, Geld und Arbeitskraft zu bekommen als die 100 o/o Begeisterung, mit denen man Zionismus vor dem Kriege machen konnte und machen mußte. Folgt aber daraus, daß diejenigen, die sich unter schwerer Last mühen, zu schelten sind, weil es ihnen nicht gelingt, Wirklichkeit ebenso schnell zu zimmern wie ihre glücklicheren Vorgänger den Bau von Luftschlössern zu beendigen pflegten? Holdheim sieht aber nur Ziffern, dort die 100o/o, hier den Maaßer. Da hundert mehr ist als zehn, ist bewiesen, was er beweisen wollte: Der Zionismus, wie ihn das Kartell bietet, genügt unseren Jungen nicht mehr, er ist nichts Ganzes, nichts Hundertprozentiges. Jugend aber verschmäht die Halbheit. Zionismus bedeutet Chaluziuth, die Jugend erkennt diese Forderung als ein in dieser Allgemeinheit unerreichbares Ideal. Die Dis-

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