Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Zukunft des Kartells 13 Es ist so, daß es heute keine begeisternden Stimulantia mehr gibt, wie vor dem Krieg und zur Zeit der Balfourdeklaration. Es fehlt daher der revolutionäre Schwung, die Kampfstimmung, Momente, die die Menschen früher leicht zu „100o/o Zionisten" machten. — Die zionistische Lage ist verändert, ja sie wird sogar vorläufig dieser früheren gegenüber verändert bleiben. Auf politischem Gebiet haben wir keine Siegesnachrichten mehr zu erwarten. Und auf kolonisatorischem eine Arbeit, die erst nach Jahrzehnten Früchte erkennen läßt! Man wird eher auf Rückschläge und Krisen gefaßt sein müssen, als auf Nachrichten, die Gelegenheit geben, begeistert „Hedad" zu schreien. Nun, was ergibt sich für das K. J. V. aus dieser veränderten Lage? Ein Zukunftsbild, wie es Holdheim sieht? Wenn viele der bisher im K. J. V. Erzogenen z. T. dieser veränderten Zeit und den mit ihr verbundenen Aufgaben nicht gewachsen sind, so ist das eine betrübende Erscheinung, vielleicht auch vorderhand nicht zu ändern. Das heutige K. J. V. hat damit aber seine Existenzberechtigung nicht verloren. Sein Bestehen erweist sich heute als viel größere Notwendigkeit, wie bisher. — Man wird die Erziehung, die früher allzusehr auf die Erzeugung eines momentanen Elans gerichtet war, den veränderten Verhältnissen anpassen, und man hat das an vielen Orten bereits getan. Der Sinn der heutigen Erziehungsarbeit liegt eben darin, Menschen heranzubilden zu ständiger zionistischer Bereitschaft, Menschen mit einem starken zionistischen Verantwortungsgefühl, die sich in einem Zustand dauernder Bereitschaft befinden für alles, was zionistisch Handeln heißt. Nicht jene Strohfeuer-Menschen, die heute ihren Ich-Gott anbeten und morgen einem äußeren Antrieb oder einer Laune folgend auf dem Altar des Zionismus opfern! Wir müssen Bundesbrüder heranziehen, die nicht bei der geringsten Krise umfallen, deren Handeln eben immer zionistisch sein muß, genau so unbedingt „innerster Notwendigkeit entspringt'4 wie der Kampfzionismus der Vorkriegsgeneration, Menschen, deren andere „Opfer" ebenso „keine Opfer" sind, die selbst Galuthheroismus ertragen können, ohne zu verzweifeln. Welcher Art die zionistische Leistung des Einzelnen ist, das bleibt sich ganz gleich, vorausgesetzt, daß er immer ehrlich bemüht ist, seine Kraft voll auszunutzen. Das muß uns allen klar sein. Die Hauptsache ist, daß wir standhalten, daß wir nicht erlahmen! Nun wird Holdheim und viele mit ihm mit Recht sagen, daß sich auf dieser Grundlage allein eine Gemeinschaft, wie sie das K. J. V. sein will, nicht am Leben erhalten läßt, daß der Zionismus allein nicht das Bindeglied sein kann. Es geht nicht ohne das „Brot" rein-menschlicher Bindung. Das hat die Erfahrung bewiesen. Die Revolutionszeit, vor allem die Revolution im Kartell, hatte die Bundesbrüderlichkeit zum größten Teil zerstört. Bald aber erkannte man, daß ohne sie nichts geht. Nun vermochte man sie aber nicht wieder herbeizuzaubern. Es dauerte vielen zu lang, man verzweifelte, man resignierte. Doch ich behaupte, daß dieses verlorengegangene Bundesgefühl, das ersteht beim Wandern, bei gemeinsamem Sport, bei sogenannten „gemütlichen Abenden", bei irgendwelchen gemeinsamen Erlebnissen, besonders in den Stunden, in denen wir zusammen lustig sind, und wir sind: es heute wieder in reichem Maße, dieses Bundesgefühl wieder im Wachsen begriffen ist. Habt nur Geduld! Es ist schon seit den Zeiten der Ringbildung vieles in dieser Beziehung besser geworden. Heute können „heterogene Elemente" bereits wieder sehr gut zusammen leben, und kleine Kreise, die sich heute in jedem Semester bilden zu besonderer Arbeit oder auf Grund engerer Freundschaft, stehen heute wohl selten im Gegensatz zur Verbindung als Ganzem oder zu den anderen Grüppchen. Die Bundesbrüder, die im Korporationsleben stehen, haben den Eindruck, daß gerade das, was uns am meisten fehlt, die Bundesbrüderlich-