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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Die Zukunft des Kartells Literaturbemerkung: Für den, der ernsthaft sich mit jüdischer Geschichte beschäftigen will, wird es notwendig sein, sich mit den allgemeinen Fragen der Geschichte etwas zu beschäftigen. Ich möchte, alle die, die das wollen, hier nur auf zwei Bücher aufmerksam machen. Das eine Lamprechts ,Einführung in das historische Denken", das die Auffassung einer markanten, in der heutigen deutschen Geschichtswissenschaft nur sehr bedingt anerkannten Persönlichkeit zeigt, deren Auffassung dadurch charakterisiert wird, daß sie die beherrschende Stellung des Staates und damit zusammenhängend der äußeren Politik in der geschichtlichen Entwicklung leugnet und die gemeinsame Grundlinie der Entwicklung von Staat, Gesellschaft und Kultur zu zeigen versucht. Das andere Buch erscheint mir besonders wertvoll: Ritter, „Entwicklung der Geschichtswissenschaft". Hier wird an der Hand einer Reihe von hervorragenden Historikern, beginnend mit Thukydides bis zu Lamprecht, ihre Eigenart charakterisiert und dabei alle Grundlagen der historischen Wissenschaft erörtert. Die Zukunft des Kartells. Von Hermann Loeb, Breslau (V. J. St. Hasmonaea-Breslau a. B.). Holdheims Artikel hat selbst ganz phlegmatische Gemüter wachgerüttelt und in Erregung versetzt. Es wurde sicher nicht nur hier in Breslau, sondern überall im Kartell heftig darüber diskutiert. Schon das ist ein Zeichen, wenn auch ein schwaches, das gegen seine traurige Prognose spricht. Wenn ich heute zu der sicher nicht geringen Zahl von Nachworten noch eins hinzufüge, so geschieht das in der Annahme, daß nicht so sehr meine persönliche Stellungnahme das Kartell interessiert als die der großen Mehrheit der Breslauer Bundesbrüder, die ich im folgenden wiederzugeben versuchen will. Der Pessimismus, der aus Holdheims Aufsatz spricht, ist bezeichnend für eine große Anzahl von Alten Herren und sonstigen älteren Bundesbrüdern, die, mögen sie früher auch in den vordersten Reihen gekämpft haben, heute erlahmt sind. So trostlos wie Holdheim die Zukunft sieht, erblickt sie noch mancher. Einer, Erich Cohn, hat ja schon gleich in seine Fis-Moll-Akkorde mit eingestimmt. Diese beiden gehören sicher zu den Besten ihres Kreises, denn ihre Negativität ist aktiv, äußert sich nicht in passiver Resistenz. Dafür sind wir ihnen dankbar. Denn nicht das ist deprimierend, daß es im Kartell nicht so ist, wie wir's gerne haben wollen, sondern daß Bundesbrüder und nicht nur die alten, auch sehr viele junge, damit, daß es nicht so ist, ihre Passivität, ihre Trägheit und ihr mangelndes Interesse rechtfertigen wollen. Wenn alle wahrhaft bemüht wären zu bessern, würde der richtige Weg schneller gefunden werden. So aber haben wir, und darin hat Holdheim recht, sehr viel Menschen, die statt mitzumachen, fragen: „Ma haawodah hasoth lachem?" Lachem welo lanul Da liegt der Kern des Übels. Ich nehme mir die Zeit nicht zu einer nochmaligen Untersuchung darüber, wie es denn kommt, daß doch eine nicht geringe Zahl von Bundesbrüdern so passiv sind, so trübe in die Zukunft blicken, so wenig an das Kartell und an seine Aufgabe glauben. Gründe, die immer wieder gesagt werden, auch von Holdheim z. T. angegeben worden sind, hier lose aneinanderzureihen, erscheint mir verkehrt. Ich begnüge mich mit der Feststellung der Tatsache, daß es nun mal so ist.

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