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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Der Geschichtsunterricht im K.J.V. U anerkennen, daß das Judentum immer existiert habe und deshalb weiter existieren werde und daß im Judentum jede Bewegung stets religiös gewesen sei. Mit dieser Art von Begründung hat man jahrhundertelang die Abschaffung der Sklaverei bekämpft, da es ja immer Sklaven gegeben habe. Wenn wir uns also mit jüdischer Geschichte beschäftigen, so geschieht es, weil es einer der wenigen für uns gangbaren Wege zu jüdischen Dingen überhaupt ist. Eine Verbindung von Geschichte und Hebräisch erscheint mir als der für unsere Menschen brauchbarste Weg, wieder zu jüdischen Werten zu gelangen. Dabei müssen wir uns klar werden, daß unsere jungen Menschen in Beziehung auf jüdische Geschichte etwa soviel wissen, wie der Sextaner eines deutschen Gymnasiums von deutscher Geschichte weiß, und daraus ergibt sich zwingend der Weg, den die Beschäftigung mit Geschichte bei uns im K. J. V. zu gehen hat. Ich bin entschieden dagegen, daß ein mit Geschichte gut vertrauter älterer Bundesbruder eine Reihe von Vorträgen hält, in denen er mit großen Perspektiven vor Menschen jüdische Geschichte darlegt, für die David und Jeremia zwei vollkommen unbekannte Persönlichkeiten sind. Zunächst muß die Grundlage geschaffen werden. Wir v/ollen jede Paukerei von Zahlen und Daten vermeiden. Aber ein gewisses Maß positiver Kenntnisse ist die Voraussetzung zu jedem ernsthafteren Studium der Geschichte. Wir müssen in dem einen Jahr, das ungefähr bis zum Burschenexamen verfließt, unsere Bundesbrüder so weit bringen, daß sie die allgemeine Ubersicht jüdischer Geschichte haben, die der Abiturient von deutscher Geschichte hat. Auf welche Weise er sich diese Kenntnisse erwirbt, ist gleichgültig. Es wird ganz von den zur Verfügung stehenden Menschen abhängen, ob ein systematischer Geschichtskurs gegeben wird, oder ob nur auf bestimmte Bücher hingewiesen und die Arbeit von jedem privat geleistet wird. Hauptwert ist, wie ich glaube, auf alte Geschichte und auf die neuste Zeit seit der Emanzipation zu legen. Wir sollten von einem Bundesbruder, der das Burschenexamen machen will, unter allen Umständen verlangen, daß er die Bibel ganz gelesen hat (das wird bei uns ge.- wöhnlich heißen, in deutscher Sprache). Dazu sollte er eine Darstellung der alten Geschichte gelesen haben, etwa die von Wellhausen. Für die neueste Zeit findet er im Dubnow das Notwendige. Was das Mittelalter anlangt, so wird hier die Schwierigkeit, die in dem Fehlen jeder ausreichenden Darstellung liegt, nie ganz zu überwinden sein. Hinweisen möchte ich aber wieder darauf, daß wir in den Büchern von Güdemann die kulturellen und Erziehungsfragen, in denen von C a r o die sozialen und wirtschaftlichen Fragen behandelt finden, und daß diese Bücher in Verbindung mit dem kleinen oder besser dem großen Grätz für den Anfang genügen werden. Erst dann, wenn der Bundesbruder im Burschenexamen seine Kenntnisse in jüdischer Geschichte nachgewiesen hat, wird es ihm möglich sein, in wissenschaftlicher Weise an jüdische Geschichte heranzugehen. Ich bin keineswegs der Meinung, daß diese geschichtlichen Seminare für alle Bundesbrüder offiziell sein müssen. Sie werden eben in erster Linie denen etwas zu geben haben, die ein ernsthaftes Interesse für Geschichte haben und überdies über gewisse hebräische Kenntnisse verfügen. Hier also sollte (wie ich es in diesem Semester in der Maccabaea gemacht habe) unter Leitung eines Bundesbruders Quellenlektüre getrieben werden und dabei gezeigt werden, wie die Kritik an einer solchen Quellenstelle vor sich zu gehen hat. Man mag, wenn man alte Geschichte behandelt, aus ihr eine bestimmte Epoche behandeln (Richterzeit, Könige, Exil u. dgi.), man mag bestimmte Gebiete des geistigen Lebens verfolgen (soziale Gesetzgebung, Bodenverteilung, Ritualgesetze usw.). Jedenfalls sollte immer wieder gezeigt werden, wie man auf diese Weise zu einem eigenen Urteil gelangen und eine Stellung gegenüber dem darstellenden Historiker einnehmen kann.

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