Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Der Geschichtsunterricht im K.J.V. Ergebnis kommen müßten. Wer heute Rankes „Geschichte der Reformation in Deutschland" liest, wird schon nach wenigen Seiten erkennen, daß ein Protestant dieses Buch geschrieben hat, obwohl gerade Ranke der klassische Vertreter der Auffassung war, daß Geschichte nur die Aufgabe habe, die Dinge so darzustellen, wie sie wirklich gewesen seien, und obwohl er etwa gerade Macaulays Darstellung englischer Geschichte als eine Parteischrift empfand und ihr seine eigene englische Geschichte entgegensetzte. Kein Historiker kann der eigenen Auffassung entbehren, sonst schreibt er kein Geschichtswerk, sondern eine Quellensammlung. Aber diese eigene Auffassung darf dem Grundsatz der Objektivität nicht widersprechen, die Auffassung muß das Ergebnis der Tatsachen sein. Gerade das ist ein für uns wichtiges Problem. Haben wir es doch vor allem bei den Darstellungen der alten jüdischen Geschichte großenteils mit nichtjüdischen Autoren zu tun, mit Autoren, die vielfach diesen Grundsatz absoluter Objektivität nicht beobachten. Wenn wir etwa in Welihausens „Israelitischer und jüdischer Geschichte" bemerken, daß der Verfasser im ersten Teil seiner Darlegung etwa bis zur Zeit des ersten Exils durchaus als Historiker vorgeht, daß aber von diesem Zeitpunkt an immer mehr der Eindruck entsteht, daß ein gläubiger Christ eine Zeitepoche schildert, die er nicht anders beurteilen kann, als daß er in ihr den düsteren Hintergrund sieht, aus dem sich nachher das Bildnis von Jesus um so leuchtender abheben soll, so ergibt sich aus diesem kurzen Gedankengang unsere 'ganze Stellung zur modernen bibelkritischen Wissenschaft. Wir sind nicht berechtigt, eine ganz große Wissenschaft von vornherein abzulehnen und sind genau so wenig berechtigt, ihre Erfahrungen gläubig zu übernehmen. Wir werden nur dann zu ihr das richtige Verhältnis gewinnen, wenn wir ihr mit Kritik gegenüberstehen. Wenn behauptet wird, daß der Geist jüdischer Religiosität nach dem Exil nicht wieder entfacht worden sei, und die „Erstarrung" des Judentums sich entwickelt habe, die jede geistige Entwicklung unmöglich gemacht habe, so ist es sinnlos, eine derartige Auffassung als antisemitisch zu verwerfen, oder als die unbedingte Wahrheit anzupreisen. Würdig ist es allein, sich die nach dem Exil entstandenen Bücher der Bibel (Esra, Nehemia, die Propheten Hagai, Sacharja, Maleachi, ferner Esther, Daniel u. a.) vorzunehmen und auf ihrer Grundlage zu selbständigem Urteil zu gelangen. Noch ein Punkt scheint mir von Wichtigkeit. Es hat lange die Auffassung geherrscht, daß man aus der Geschichte lernen könne. Diese Auffassung ist jedenfalls so, wie sie gewöhnlich verstanden wird, völlig abzulehnen. Historische Situationen wiederholen sich niemals wieder. Wo wir historische Parallelen ziehen, da geschieht es unter bewußtem Außerachtlassen der Verschiedenheiten, die häufig größer sind, als die Gemeinsamkeiten. Es bestehen sicherlich sowohl in der Grundstimmung wie in manchen Einzelheiten bemerkenswerte Parallelen zwischen der Rückkehr aus dem ersten Exil und der jetzigen zionistischen Besiedlung Palästinas. Aber die Verschiedenheiten sind doch wahrlich viel größer. Wie kann man das 50 jährige erste Galuth mit dem 1800jährigen letzten Galuth in Beziehung setzen! Aber man versucht vielfach andere Schlüsse aus der Vergangenheit auf die Gegenwart zu ziehen. Und da sollen wir nie vergessen, daß Zionismus revolutionär ist, daß er grundsätzliche Verneinung des Galuth und damit Verneinung der jüdischen Gegenwart bedeutet und daß die Beschäftigung mit Geschichte niemals bei uns dahin führen darf, daß ein „Historismus" entsteht, der uns in der freien Gestaltung jüdischer Zukunft behindert. Ich erinnere hier an Nietzsches schönen Aufsatz „Von Nutzen und Schaden der Historie". Die Geschichte ist unentbehrlich zum Verständnis der Gegenwart. Man kann wirklich unsere Orthodoxie nur aus ihrer Geschichte begreifen. Aber unsere Absicht ist ja nicht die Tendenz der Gegenwart fortzuführen, sondern dem jüdischen Leben eine neue Tendenz zu geben, Geschichte zu machen. Wir können es nicht als Argument