Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537768-3537769--5404-3543520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Geschichtsunterricht im K.J.V. 9 wir oft genug gesehen, wie wenig die Ergebnisse der nationalökonomischen Wissenschaft für unsere Aufbaufragen verwendbar sind. Wer als Lehrender oder Lernender sich mit jüdischer Geschichte beschäftigen will, der muß sich klar machen, daß es hier völlig anders liegt. Jüdische Geschichte ist ein Teilgebiet der allgemeinen Geschichte, und die fruchtbare Beschäftigung mit jüdischer Geschichte setzt nicht allein Kenntnis des allgemeinen Verlaufs der Weltgeschichte voraus, sondern außerdem das Beherrschen der historischen Methode und das Verständnis der historischen Prinzipien. Die Geschichte gehört ja zu denjenigen Wissenschaften, die auch bei einem weiteren Publikum über den Kreis der Fachwissenschaftler hinaus auf Interesse rechnen können. Man findet im allgemeinen auch in unserem Kreise zwei Einstellungen zur Geschichte: Die eine, beeinflußt durch einen schlechten Geschichtsunterricht in der Schule, verbindet mit dem Begriff Geschichte nur die Erinnerung an das Erlernen von Jahreszahlen, Königs- und Schlachtennamen u. ä.; die andere aber, und das ist die bei uns häufige und diejenige, die sich gerade bei den geistig Interessierten findet, läßt sich etwa folgendermaßen charakterisieren: Sie liest mit Vorliebe wertvolle Bücher historischen Inhalts wie etwa Burkhardts „Kultur der Renaissance" oder etwas von Lamprecht. Man freut sich an den großen Perspektiven und Gesichtspunkten, die sich dort finden. Angeregt durch die kühnen Gedankenkonstruktionen, gehen die Vertreter dieser Anschauung gern dazu über, auch ihrerseits derartige geschichtliche Theorien aufzustellen. Wir wissen ja, daß bei uns jede Äußerung eines neuen Gedankens fast immer verknüpft wird mit historischen Perspektiven, die fast immer ebenso geistreich wie unbeweisbar sind. Hier muß nun zunächst eins betont werden. Wer nicht einmal den Blick in die Werkstatt des Historikers geworfen hat, der wird niemals verstehen, auf welcher erdrückenden Fülle von einzelnem Material, auf welcher aufopferungsvollen Kleinarbeit etwa ein Buch wie das von Burkhardt entstanden ist. Es ist nicht so, daß Burkhardt zuerst die geniale Konzeption hatte, die ganze Renaissance als die Befreiung des Individuums anzusehen, sondern die Erkenntnis war für ihn das Ergebnis von Studien, in denen er sich ebenso mit der politischen Geschichte, dem Verfassungsfeben uncf den gesellschaftlichen Verhältnissen, wie mit der Entwicklung der Künste und der Literatur beschäftigt hatte. Erst auf solcher nüchternen sachlichen Arbeit beruht "das Recht, große Perspektiven zu ziehen. Der bei uns häufige Weg verläuft nicht einmal umgekehrt, nicht so, daß man für eine a priori feststehende Theorie sich nachher die Tatsachen zusammensucht, sondern vielfach so, daß man den Beweis der Theorie durch sachliche Tatsachen überhaupt für überflüssig hält. Und hier ist ein Punkt, wo die erzieherische Bedeutung der Beschäftigung mit Geschichte klar hervortritt. Die Beschäftigung mit Geschichte zwingt dazu, sich über jedes Wort, das man spricht oder schreibt, Rechenschaft abzulegen. Es macht jede Phrase unmöglich. Und es erzieht auf der anderen Seite keineswegs zu einem kleinlichen Sammeln von Einzeltatsachen o~hne Zusammenhang, sondern zwingt uns gerade zu der Arbeitsmethode, die wir überall im zionistischen Leben brauchen: nämlich zurückzugehen auf die realen Tatsachen, die genau zu prüfen und dann auf ihrer Kenntnis aufgebaut, die eigene Auffassung zur Geltung zu bringen. Diesen Weg kann der Historiker nur gehen, wenn er sich die Möglichkeit eigenen Urteils verschafft. Eigenes Urteil, die Fähigkeit zur Kritik, an historischen Darstellungen wird nur durch Studium der Quellen erworben. Nur der ist imstande, die Darlegungen eines Historikers anders als rein rezeptiv aufzunehmen, dem dasselbe Material zu Gebote steht, auf Grund dessen der Historiker gearbeitet hat, oder wenigstens ein möglichst großer Teil desselben. Es liegt aber nicht so, als ob zwei verschiedenen Menschen, wenn sie dasselbe Material durchgearbeitet haben, notwendig zu demselben