Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Eindrücke und Gedanken von der Erstchargiertentagung 7 eine Gefahr in sich, vor der mit überraschender Einsicht kein Geringerer als Prof. Weizmann seine Bundesbrüder warnen zu müssen glaubte — die Gefahr der Nüchternheit. Wir dürfen nicht vergessen, daß für junge Menschen, die unserer Bewegung erhalten werden sollen, das Anspornende immer die große Idee, die Idee in ihrer Reinheit ist. Es ist Aufgabe der Erziehung, unsere Leute mit der Politik, mit der Praxis vertraut zu machen. Aber erste und wichtigste Aufgabe der Erziehung verlangt, unseren Bundesbrüdern immer wieder zu zeigen, daß nicht das Palästinamandat den Zionismus ausmacht. Zionismus bedingt eine bestimmte idealistisch eingestellte menschliche und jüdische Erziehung. Ob daher der politische Zionismus, wie Holdheim behauptet, salonfähig geworden ist, ist für uns fast bedeutungslos. Nur so kann man verstehen, daß heute bei uns — in der Debatte über Erziehung kam es deutlich zum Ausdruck — mit Leidenschaft eine feste Stellungnahme zum jüdischen Kulturproblem gesucht wird. Bemüht man sich doch auch mit größerem Eifer als früher, die Schätze der überlieferten Lehre kennen zu lernen und zu verwerten, und die besten unserer Bundesbrüder bedrängt schon heute die Sorge um die zukünftige kulturelle Gestaltung in Palästina mehr als die Fragen der Politik. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, daß wir als Akademiker uns besonders ernst mit diesen Fragen über den Geist des Judentums beschäftigen müssen, und den Sehenden wurde klar, daß bald in unserem Kartell auch über Fragen, die bisher als persönlichste galten, gesprochen werden muß. Hingewiesen sei nur auf die im Judentum zentrale und mit der nationalen eng verbundene religiöse Frage. Ich bin mir bewußt, daß es noch nicht möglich ist, zu dem Kartell so zu sprechen wie im kleinen Freundeskreise. Jedenfalls aber stärken solche Aussprachen das gegenseitige Vertrauen und tragen dazu bei, das Gefühl der Bundesbrüderlichkeit zu heben. Daß bei manchen K. J. V.ern heute der Zionismus nur eine politische Einstellung, das K. J. V. die entsprechende Organisation ist, während für die früheren Generationen Zionismus stets stärkstes menschliches Erlebnis, Zionismus Sache des Herzens, des Gefühls, nicht nur des kalten Verstandes, das K. J. V. die Gemeinschaft der gleichgesinnten „Brüder" war, das erschwert unsere Lage. Hier hat die Neuorientierung, hier die Erziehung der Verantwortlichen einzusetzen. Es ist selbstverständlich, daß rein sachliche, ernste, stoffliche Beschäftigung, wie sie von Fritz Löwenstein und anderen verlangt wird, nicht einen Gegensatz, sondern Grundlage und notwendige Ergänzung zu meinen Anschauungen bildet. Dagegen halte ich die Einführung eines besonderen Kommentunterrichtes, der in einzelnen Verbindungen wieder bestehen soll, für verfehlt und für einen bedauerlichen Rückschritt, zu dessen Notwendigkeit mich auch die Klagen einzelner über den Ton und die Rücksichtslosigkeit mancher sogenannter Bundesbrüder nicht überzeugen konnten. Das K. J. V. kann mangelnde Kinderstube nicht ersetzen. Hier genügt bei wirklichen Verstößen gegen Fremde und auch gegen eigene Bundes - brüder einfacher Hinweis, bei Wiederholung und Unverbesserlichkeit Rat zum Austritt. — Sehr verschieden war der Eindruck, den das am Mittwochabend veranstaltete Bankett bei den Teilnehmern hinterließ. Ich selbst sehe es als einen glücklichen Zufall an, daß Weizmann gerade zu dieser Zeit in Berlin weilte, daß wir Gelegenheit hatten, aus seinem Munde zu hören, wie schwer unsere heutigen Führer als junge Studenten um die Grundbegriffe des Zionismus und um die ersten Grundlagen seiner praktischen Verwirklichung ringen mußten, welch großen, unaufhaltsamen fortschreitenden Aufschwung inzwischen unsere Bewegung innerlich und äußerlich genommen hat. Weizmanns Vertrauen, daß in den nächsten zwei, drei Jahren — nach seiner Ansicht der schwersten und gefahrvollsten Periode des Zionismus — unser Kartell Träger der Idee bleiben wird, legt uns allen ehrenvolle Verpflichtung auf.