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Der jüdische Student · 1922-01-01 · Heft 1 (Januar 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 1 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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6 Eindrücke und Gedanken von der Erstchargiertentagung halb unserer Reihen stellen. Ein Werturteil über die anderen ist dadurch nicht ausgesprochen. Das undankbarste, weil schwierigste Referat hatte Bruno Perl übernommen. Es war nicht seine Schuld, wenn er über das eigentlich brennendste Problem unseres Zusammenlebens — die Formen — nicht viel Neues sagen konnte. Daß Sport und Wandern, gemütliche Abende und ernste Auseinandersetzung über einzelne Fragen, daß die Einrichtungen Leibfamilie, Konvent und C. C> im einzelnen für das Leben der Verbindung von Bedeutung sind, daß in vielen Verbindungen der volle Wert all dieser Formen nicht ganz erkannt werde, mag stimmen. Ebenso unbestritten in Praxis und Theorie steht aber fest, daß für die alten, hauptsächlich aus inneren Gründen unmöglich gewordenen studentischen Formen kein gleichwertiger Ersatz geschaffen wurde. Das Präsidium hat es den einzelnen Verbindungen überlassen, Semesterprogramm und Art des Zusammenlebens nach eigenem Gutdünken und Neigung zu gestalten. Die Differenzierungen sind entsprechend. Eine Berliner Verbindung ist zum Frühschoppen zurückgekehrt, in Königsberg lernt man Talmud. Dem Kartell als solchem mangelt eine bestimmte, seinem Wesen adäquate und für das K. J. V. spezifische Form. Ob der Grund an einer trotz gemeinsamer Zielstrebigkeit größeren Verschiedenheit unserer Menschen liegt (Ost- und Westjuden, verschiedene Altersstufen u. a.) oder äußere Bedingungen ausschlaggebend sind, soll hier nicht entschieden werden. Meines Erachtens liegt ein Grund darin, daß man ohne Übergang nach Kriegsende aus früheren Couleurstudenten plötzlich Blau-Weiße machen wollte. Vorläufig halte ich die Methode des Präsidiums, den einzelnen Verbindungen Freiheit in der Wahl der Formen, zu lassen, für das einzig Mögliche. Vielleicht werden so organisch Bindungen und Ausdrucksformen entstehen, die allmählich Gesamtgut werden. (Z. B. Wanderungen und Freitagabende als allgemein beliebte Formen des Zusammenkommens, Leibfamilienabende, Fuxenkonvente, Treffahrten u. a. mehr.) Daß trotz des Fehlens der einheitlichen Form (wie z. B. K. C. und Blau- Weiß sie besitzen) das Gefühl der Bundesbrüdersehaft bei den meisten von uns nicht erloschen ist, zeigte erneut die Freude des Wiedersehens und Zusammenseins in Berlin auch jenen, die es in Wertheim damals nicht verspüren konnten, weil sie fern waren. Allerdings wird das bundesbrüderliche Gefühl zumeist bei jenen vorhanden sein, die den Forderungen ihrer Verbindung und der Kartelldisziplin nachkommen, die nicht nur als Empfangende ans Kartell herantreten und die sich bemühen, dem vom Kartell aufgestellten Ideal des wahren Nationaljuden nahe zu kommen. Voraussetzung zur Erreichung dieser letzten in unserem Tendenz- Paragraphen — wie viele Bundesbrüder denken an ihn? — ausgedrückten Forderung, Grundlage der Bundesbrüderlichkeit ist richtige Erziehung. Es wurden in der letzten Zeit und auch auf dieser Tagung die verschiedenen Ziele und Wege der Erziehung eingehend erörtert. Erziehung zum Staatsbürger lautete die letzte Formulierung. Daß Bedeutung und Wert dieses staatsbürgerlichen Verantwortungsgefühls für Geschick und Taten des eigenen Volkes und seiner gewählten Vertretung — denn nur so deute ich diese Formel — bei uns erkannt und anerkannt ist, bewies die Debatte über den von Ernst Simon begründeten Antrag der Frankfurter und Heidelberger Verbindungen zur Jabotinsky-Affäre. Ergebnis der Besprechung und Abstimmung — der Antrag wurde abgelehnt — ist nicht das Entscheidende. Der Fortschritt in unserer Entwicklung liegt darin, daß man bei uns heute für einzelne Fragen der zionistischen Politik eine gemeinsame Grundeinstellung voraussetzen darf, daß Verständnis für politische Fragen gewachsen ist. Allerdings birgt das. Ideal der Erziehung zum Staatsbürger und die besondere Hervorhebung der Sachlichkeit, die vor allem Fritz Löwenstein in seinem Geschichtsreferat, das hoffentlich hier abgedruckt wird, erhob;

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