Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Eindrücke und Gedanken von der Erstchargiertentagung ist, hineingetan werden soll, um unigeschmolzen zu werden. Es kommt nun darauf an, was hineingetan wird. Die ganzen Schöpfungen des Galuth sind nicht ungesthehen zu machen. "Wir Juden erleben die Epochen der Weltgeschichte zu spät. Die Kulturströme treffen uns zu spät. Denn unser Volk ist ohne Zentrum. Deshalb sind wir diesen Dingen gegenüber unfrei. Wir sind in der Psychologie des entlaufenen Jesehiwebochers verstrickt. Wir haben zu den religiösen Dingen kein objektives Urteil, wir sehen daher die Dinge verzerrt. Ebenso sind auch die Romantiker abzulehnen, welche die Dinge nur als Museumsstücke betrachten und dabei nicht ernst Dehmen. Auf dem Kongreß sah man auf der einen Seite Scholastiker wie aus dem 15. Jahrhundert, auf der anderen Seite die „Aufgeklärten", entlaufene Bochers, wie aus dem 18. Jahrhundert. Heute haben wir aber 20. Jahrhundert, und wir wollen als Menschen des 20. Jahrhunderts leben. Beide Ricutüngen sind gleich weit davon entfernt Heute kann der Zionismus nicht allein politisch sein, er will eine neue Kultur und muß an eine bereits vorliegende anknüpfen. Man hat uns aus einer anderen Kultur entwurzelt, aber nicht in die neue Kultur verwurzelt. Kultur ohne Bewegung ist tot, Bewegung ohne Kultur ist leer. Wir sind wahllos gegenüber jüdischen Dingen, eben weil sie jüdisch sind. Wir können jüdische Geschichte nicht nach allgemeinen Methoden der Geschichtsforschung behandeln. Jeder Stoff trägt seine Methode in sich, anch die jüdische Geschichte. Wir müssen uns den Zugang zum Talmud ebnen, wir werden kulturell scheitern, wenn wir das Mittelalter streichen. Ein Dichter wie Bialick steht in einem durchaus engen Verhältnis zum Talmud. Zum mindesten müssen wir uns einen Begriff machen von talmudischer Denkart. Die Kulturleistung der Juden liegt hier gerade auf rechtlichem Gebiet. Kontinuität bewahren heißt: anknüpfen, ohne doch gebunden zu sein. Der Geschichtsunterricht soll bestehen aus: 1. Einem Übersichtskurs über die gesamte jüdische Geschichte in 14 Doppelstunden. 2. Einem Burschenkurs als Seminar z. B. über das Thema: Die Entnationalisierung des Gebetbuches. Bei der Prüfung soll der Fux ein Spezialgebiet beherrschen. Er soll imstande sein zur Darstellung eines Historikers Stellung nehmen zu können, z. B. zur Darstellung eines Abschnittes im Kompendium von Ellenbogen Auch von Bundesbruder K a n o w i t z - Königsberg wurde mitgeteilt, daß sich die dortigen Bundesbrüder mit dem Studium des Talmud beschäftigten. In dem Verlauf der Debatte vertrat besonders Bundesbruder Löwenstein einen Ernst Simon entgegengesetzten Standpunkt. Im ganzen kann die Frage der inneren Ausbildung unserer Bundesbrüder nicht als abgeschlossen gelten, und es wäre an der Zeit, den ganzen Fragenkomplex vor dem Kartelltag im J. St. eingehend zu erörtern. Der letzte Nachmittag brachte nach dem letzten Teil der Erziehungsdebatte das Referat von Feilchenfeld über die Arbeit in der Studentenschaft. Uberraschenderweise kam es hierbei noch zu lebhaften Auseinandersetzungen, da der Referent im Verlaufe seiner Ausführungen zionistische Anschauungen bekundete, die mit der Arbeit des Kartells bestimmenden Auffassungen schwer in Ubereinstimmung zu bringen sind. Der auf Vertretung rechtlicher und wirtschaftlicher Interessen gerichteten Arbeit in der Studentenschaft legte er eine selbständige, von der nationalen Arbeit unabhängige Bedeutung bei, die gerade auch aus diesem Grunde ein wünschenswertes Zusammenarbeiten mit nichtnationalen Gruppen möglich mache. Diesen, sowie einigen anderen Bemerkungen, aus denen der Mangel des Gefühls der Verbundenheit mit Ostjuden „Hervorzugehen schien, wurde lebhaft widersprochen. Zusammenfassend läßt sieh folgendes sagen. Die Erstchargiertentagung hat gezeigt, daß das Kartell die Krisen, die seinen Bestand gefährdeten, überwunden hat, daß eine neue Generation herangewachsen ist, die im Vertrauen auf die Stärke des K, J. V.-Gedankens bereit ist, sich mit allen Schwierigkeiten, die das zionistische Leben heute mit sich bringt, auseinander zu setzen. Der Kartelltag wird uns zeigen müssen, was in dieser Richtung zu geschehen hat. Eindrücke und Gedanken von der Erstchargiertentagung. Von Sally Heymann, Siegburg (V. J. St. Kadimah-Bonn a. B.). Wer auf .Grund der Klagelieder geglaubt hatte, zur Leichenfeier nach Berlin zu kommen, ward angenehm enttäuscht. Wille zum Leben und Bewußtsein der Lebenskraft erfüllte die Chargiertentagung. Die