Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Formen im Kartell 265 sich völlig ablehnend diesen Veranstaltungen gegenüber verhielten, überraschend schnell und ganz von selbst zu laufen, zu springen oder zu turnen begannen, und zwar mit einem Eifer, den sie nie vorher an sich beobachtet hatten. Wie oft kommt es vor, daß diese „Geistigen" sich bei leidenschaftlichen „sportlichen" Unterhaltungen ertappen. Verschlossene Naturen tauen auf und werden plötzlich andere Menschen. Wir haben auf Wanderungen, 'Spielnachmittagen und Rudertouren ähnliche Beobachtungen mit unsern Bbr. Bbr. gemacht und dieselben Wirkungen erzielt wie etwa früher der Leiter einer Kneipe oder einer Fechtveranstaltung. Wenn das K. J. V. auch die Bedeutung des Wanderns theoretisch längst erkannt hat, so kann man doch beim besten Willen nicht behaupten, daß diese Gemeinschaftsform bei uns heimisch geworden ist. Schuld daran ist schon die falsche Auffassung über die äußeren Formen, die diese Wanderungen zu Spaziergängen im Gesellschaftsanzug machen. Das Wandern muß die offizielle Sonntagsveranstaltung unserer Verbindung werden (Dinge, die z. B. die „Maceabaea" vor dem Kriege längst erkannt und auch durchgeführt hat.) Zum Wandern gehört ein eigener Lebensstil, dessen äußere Kennzeichen eben Kleidung, Singen, Ausgelassenheit, eine gewisse Neigung zum „Unsinn treiben", dann wieder Abkochen, Strohlager und tausend „Unbequemlichkeiten" sind, die gerade so erzieherisch wirken. Auf jeder Wanderung muß natürlich während der großen Pause gespielt werden. Hier erreicht man dann eben jene Stimmung, in die unsere jungen Bundesbrüder geraten sollen, um das zu erleben, was sie vorher nie gekannt haben: Ihre jüdische Gemeinschaft. Fuxenstunden, hebräischer Unterricht, Geschichtskurse, * jede theoretische zionistische Unterweisung kann noch so gut vorgetragen werden, eine Wirkung wird selbst der fähigste Kursleiter nur dann erzielen, wenn eben diese Gemeinschafts - Stimmung vorhanden ist. Nur in solcher Atmosphäre kann man die Spannkraft erwerben und erhalten, um ununterbrochen zionistische Arbeit mit all ihren demütigenden Mißerfolgen zu leisten. Die Gefahr, daß unsere Bbr. Bbr. bei einer solchen Stimmung zur deutsch-studentischen Einstellung der schöne durchlebten Semester mit ewigem Berufshorror gelangen könnten, dürfte wohl bei der dauernden Kontrolle durch sachliche Arbeit bei uns nicht bestehen. Das K. J. V. muß eine Gemeinschaftsform haben, die uns die beste Möglichkeit gibt, aus unseren Leuten Bundesbrüder zu machen. Wir brauchen eine Form, die uns die günstigste Voraussetzung schafft, an Werte heranzukommen, die verschüttet liegen, die aber — entfaltet und rationell entwickelt — die Triebkräfte zur Durchführung unserer Staatsidee bilden. Wir schlagen nun für das ganze Kartell die oben dargestellte Form vor, die bei der augenblicklichen Unklarheit unbedingt ausprobiert werden muß. Es ist verständlich, daß viele Bundesbrüder sich gegenüber Anträgen auf Durchführung des Sports ablehnend verhielten, weil sie nie recht erkannten, daß das wenig mit „Sport" zu tun hat. Es ist aber durchaus erforderlich, daß diese Dinge von diesen lebenswichtigen allgemeinen Gesichtspunkten aus im Kartell gesehen werden, und daß man dann einsichtig genug ist, bald zu ihrer Durchführung zu schreiten. Wenn uns eine bessere und bewährte Form als die „sportliche" gezeigt wird, das heißt eine Form, bei der es eher gelingt, aus unseren Bundesbrüdern eine lebendige Gemeinschaft zu machen, und bei der all die erzieherischen Nebenwirkungen zur körperlichen und geistigen Harmonie stärker ausfallen, so verzichten wir freudig auf die „sportliche" Form und wählen die bessere. Das eine steht fest: Der Ruder-V. J» St. hat ermutigende Erfolge mit seinen Formen erzielt und hat es erreicht, daß seit dem Kriege eine Anzahl kartellfreudiger Menschen aus ihm hervorgegangen sind. Warum sollte das nicht im ganzen .K. J. V, möglich seil*?