Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537767--5381-3543497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Krankheit des Kartells 261 heit, die mit dem Ernst der Zeit aber auch gar nichts zu tun hat. Ohne beides entsteht kein Gemeinschaftsgefühl und dann auch keine willige Unterordnung, ohne die wir erfolgbringende Arbeit nicht erzielen werden. In der jetzigen Lage ist das Kartell eine rein organisatorische Vereinigung von Zionisten verschiedener Qualität. Menschen, die der Gemeinschaft neue Ideen bringen können, werden wir damit nicht hervorbringen. Warum wundert man sich eigentlich, daß die Alten Herren den Verbindungen so fremd gegenüberstehen? Sollen sie sich jedes Semester die Entstehung des Kartells, die semitische Epoche Ägyptens, die Ansichten von Pinsker, Achad Haam und ähnliches zu Gemüte führen? Oder sollen sie auf Konventen die Bundesbrüder näher kennen lernen, auf denen man doch bekanntlich ohne Erlaubnis nicht sprechen darf? Mit großen theoretischen Erörterungen ist das Problem freilich nicht zu. lösen. Hier hilft nur praktische Kleinarbeit, die sich der besonderen Lage der einzelnen Verbindungen anpassen muß. In Leipzig habe ich vorgeschlagen, im laufenden Semester ungefähr nach folgenden Richtlinien zu arbeiten: 1. Alle Veranstaltungen sind offiziell. Menschen, die sich noch nicht kennen, brauchen zunächst eine Kraft, die sie zusammenfügt 2. Die erstsemestrigen Füxe erhalten nur Tendenzunterricht und K. J. V.-Unterricht, letzteren nicht als Nebenfach, wie man das bis jetzt häufig sah. Der übrige Unterricht wird auf das zweite und dritte Verbindungssemester verteilt. Hebräisch beginnt im zweiten Semester. 3. Zu dem schon immer gepflegten Turnen kommt noch Schwimmen. Sonntags finden Wanderungen statt, verbunden mit Spielen, Waldlauf usw. Ist es einmal untunlich, eine größere Wanderung zu unternehmen, so findet doch mindestens ein mehrstündiger Vor- oder Nachmittagsspaziergang statt. 4. Am Freitagabend werden die Leibfamilien zu größeren Gruppen zusammengefaßt und bei Bundesbrüdern mit geeigneten Wohnungen untergebracht. Alle 14 Tage findet ein Teeabend mit kleinen Darbietungen auf dem Heim oder bei einem A. H. statt. Bei diesen Veranstaltungen ist jeder programmatische Zwang unbedingt zu vermeiden. Es muß ganz zwanglos und munter hergehen, und man darf nicht gleich unruhig werden, wenn nicht gleich tiefgründigerweise von „jüdischen Dingen" gesprochen wird. Mit der Zeit regelt sich das von selbst. 5. Es wird ferner darauf geachtet, daß die Bundesbrüder nach dem Turnen, Schwimmen usw. nicht gleich auseinanderlaufen, sondern erst noch eine Weile in einem netten Lokale beieinander sitzen und miteinander plaudern. Es wird ferner auf gemeinsamen Mittagstisch gesehen und darauf, daß die Bbr.Bbr. gemeinsam ins Theater, Konzert usw. gehen. Eine gute Einrichtung ist auch das früher so beliebte gemeinsame Budenabendbrot in kleineren Gruppen (z. B. Leibfamilien). €. Es soll auch ein Versuch mit einem gemeinsamen Singabend gemacht werden, der alle 14 Tage stattfinden kann. In einzelnen Verbindungen hat man gute Erfahrungen damit gemacht. 7. Zu vermeiden ist, namentlich bei ganz jungen Füxen, eine übermäßige Belastung mit technischer Außenarbeit, wie abendelanges Adressenschreiben für die Ortsgruppe usw. Man soll diese Zeit besser dazu verwenden, den jungen Bundesbrüdern Kenntnisse beizubringen oder ihnen Gelegenheit zu geben, das Leben in der Gemeinschaft, und die Mitglieder derselben richtig kennen zu lernen. Später kann man sie eher zu solchen Arbeiten heranziehen, wobei man aber nicht vergessen soll, daß rein mechanische Arbeit auch für billiges Geld von anderen geleistet wird. Sehekel- und N. F.-Arbeit ist natürlich zu leisten.