Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Die Krankheit des Kartells lange theoretische Auseinandersetzungen auch nicht weiterbringen, und die theoretische Seite hur streifen. Nach meiner Meinung hat die veränderte zionistische Situation mit der Lage im Kartell nur wenig zu tun. Mir ist unerfindlich, wie maa glauben kann, daß die zionistische Idee als solche dadurch so viel an Schwung eingebüßt haben soll, daß es möglich zu werden scheint, sie zu verwirklichen. Das Beispiel des Sozialismus zeigt uns das Gegenteil. Auch davon, daß der Zionismus salonfähig geworden sei, habe ich. wenig gemerkt. Zwar hat sich die Masse der Nichtzionisten mit der Tatsache der Existenz des Zionismus abgefunden, und der oder jener Assimilant hat 5<y0 vom Maasser gegeben, aber um die innerliche Anerkennung der Richtigkeit unserer Anschauung müssen wir nach wie vor kämpfen. Allein der Kampf mit jüdischen Eltern um ihre Kinder spricht schon genug. Auf diesem und auf vielen anderen Gebieten ist noch Arbeit genug zu leisten, die allein schon unserer Gemeinschaft Kraft genug zur Weiterexistenz. verleihen könnte. Chaluziuth ist unser Ziel, aber man muß nicht gleich verzweifeln, wenn das Ziel nicht von heute auf morgen erreicht wird. Die Idee lebt also, Arbeit gibt es genug, und doch ist das K. J. V. krank. Der Sitz der Krankheit findet sich auch gar nicht auf dem eben besprochenen Gebiete, es fehlt uns vielmehr das frische Leben und der Gemeinschaftsgeist, und darin hat Holdheim vollkommen recht. Woran liegt das? Man hat vergessen, daß das K. J. V. eine Jugendgemeinschaft ist, und daß Jugend ein Bedürfnis nach einem gewissen Maß von Freude hat. Dieses Bedürfnis hat man stets ignoriert und hat immer nur das Plakat mit dem „Ernst der Zeit" herumgetragen. Fröhliche Unbekümmertheit ist aber noch lange keine sträfliche Oberflächlichkeit! Man hat im Kartell ein großes Arbeitsprogramm aufgestellt und sich eingebildet, daß aus der gemeinsamen Arbeit ohne weiteres das unbedingt nötige Gefühl persönlicher Verbundenheit entstehen werde. Man hat aus dem Kartell im wesentlichen eine jüdische höhere Schule und ein zionistisches Arbeiterbataillon gemacht. Nun wundert man sich über den Mangel an Disziplin und die Unlust vieler bei der Arbeit. Man sehe doch hin: Was geschieht dem Fuxen, der zu uns kommt? Kaum ist er aufgenommen, so wird er in so und so viele Kurse gesteckt und muß eine Menge technischer Arbeiten erledigen. Der Fuxmajor steht dahinter wie ein Büttel, vergißt man dies oder jenes zu tun, so entlädt sich ein Donnerwetter. Nie gibt man den jungen Füxen Zeit, erst einmal die Bundesbrüder richtig kennen zu lernen, und sich in die Gemeinschaft einzuleben. So bleiben sie innerlich der Gemeinschaft fremd und lernen nie ihren Sinn verstehen. Sie werden vielleicht gute Arbeitszionisten — solange der Zwang der Korporation dahinter steht. Sie gehorchen vielleicht, aber nur aus Angst vor Vorwürfen oder der Schande hinausgeworfen zu werden. Dann treiben sie Hebräisch, um — möglichst bald inaktiviert zu werden, und dann wird's langsam alle. Diesen Menschen muß doch der V. J. Ster-Geist fehlen, den Holdheim im Gegensatz zur Vorkriegszeit jetzt so vermißt! Es fehlt tatsächlich das „Brot der menschlichen Bindung", und das gewinnt man nicht, wenn man nur in Kurse, auf Konvente oder auf die N. F.-Aktion geschickt wird. Man hat seit dem Kriege immer nur Forderungen aufgestellt, die an sich natürlich berechtigt sind, aber man hat sich kaum ernsthaft um die Erzeugung des Gefühles wahrer menschlicher Verbundenheit bemüht. Das war nebensächlich, lächerlich, angeblich „selbstverständlich", und erhob sich einmal ein Prediger in der Wüste, so wurde er ausgelacht oder totgeschwiegen. Wir haben uns nach dem Kriege keine neue Form geschaffen, wo , man das ausnahmsweise doch tat (z. B. im Ruder-V. J. St.), wickelt sich auch aller Gemeinschafts- und Arbeitsbetrieb in zufriedenstellender Weise ab. Hier liegt der Angelpunkt. Wir brauchen eine Form, in der sich unser Gemeinschaftsleben abspielen kann, wir brauchen auch die frohe, jugendliche Unbekümmert-