Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Möglichkeiten der Besserung Imponderabilien werden einzig und allein unsere jungen Bündesbrüder mit der Verbindung und dem Kartell so fest verwachsen wie di£ Mehrzahl der älteren, denen bei aller Unlust und (scheinbaren) Uninteriessiertheit doch der Austritt unmöglich ist. Aber — eine Frage wird sofort laut: wie schafft man solchen idealen Zustand jugendlichen Zusammenlebens? Ihre Beantwortung ist nicht zu trennen von der Deutung der oben angeführten zweiten Ursache für den augenblicklichen Zustand des K. J. V.: der zionistischen Grundeinstellung, die sich bei uns herausgebildet hat. Wir haben uns gewöhnt, mit großer Geste Forderungen aufzustellen, an deren Erfüllung wir selbst nicht recht glauben. Wir haben verlernt, die Grenzen, die uns durch unser Menschenmaterial gesteckt sind,, zu respektieren und mußten naturgemäß zu jener inneren Unsicherheit kommen, die immer die Folge der Diskrepanz zwischen maximaler Forderung und minimaler Erfüllung ist. Wir haben trotz dieser Einsicht (die auf der vorjährigen Erstchargiertentagung und auf dem letzten Kartelltag von allen Seiten ausgesprochen wurde) weiter von den durch die Berufsumschichtung zu erwartenden Aussichten auf baldigste Übersiedlung nach Palästina geredet, —und wissen ganz genau» daß nur ein ganz winziger Prozentsatz unserer Bundesbrüder seinen Beruf zu ändern überhaupt in der Lage ist, daß viele unserer Besten bei heißestem Wollen kaum in absehbarer Zeit nach Palästina gehen können. Wir haben die Ehrlichen, die sich nicht in Begeisterung (unbewußt) selbst belügen können, dahin gebracht, daß sie resignierten, statt in jedem sich bietenden Hindernis einen Ansporn zu finden. Wir haben unseren jungen Bundesbrüdern gesagt: jeder hat die Möglichkeit, seinen Zionismus jetzt zu verwirklichen — und haben dadurch an sich selbst Verzweifelnde auf der einen, mit ihrer baldigen Uber- Siedlung Prahlende auf der andern Seite und die große Schar der allen Zweifeln aus dem Wege Gehenden in der Mitte geschaffen. Wir müssen wieder den Mut haben, ehrlich zu sein, selbst auf die Gefahr hin, manche schönen Illusionen zu zerstören, und frei und offen erklären: Palästina ist kein Auswanderungsland, in das zu gelangen bloß von mechanischen Faktoren abhängt; die Möglichkeit dorthin zu kommen, muß erkämpft werden. Manchem wird das Glück beschieden sein, in Kürze das Ziel zu erreichen; mancher wird sein Leben lang kämpfen; — aber keiner darf in seinem Streben nachlassen. Jede Lektion Rath, die ihr lernt, jede Nationalfondsbüchse, die ihr leert, ist ein Schritt weiter zum Ziel. Wir werten nicht nach guten und schlechten Zionisten im Hinblick auf die Chancen für die Ubersiedlung; aber wir wollen bei jedem das Bemühen sehen, das sich in irgendeiner Form der Arbeit greifbar zeigen muß. Wir müssen schon in unseren Füxen das feste Gefühl der Verpflichtung zur Arbeit an sieb durch Vertiefung und Erweiterung der jüdischen Kenntnisse und durch Hebräischlernen erzeugen und ihnen die zionistische Arbeit selbstverständlich machen, indem wir in ihnen die Liebe zur Sache üns€res. Volkes erwecken und durch das Bewußtsein des Mitbeteiligtseins stärken. Diese Mitverantwortlichkeit wird sie die Notwendigkeit, den nationalen Gedanken in die assimilierten Kreise des deutschen Judentums zu tragen, erkennen lassen und der bisher verpönten Keilarbeit neuen Schwung geben. Ich glaube, daß solche ehrliche, den Gelegenheiten entsprechende Einstellung nicht, wie manche sagen werden, eine Verwässerung des Zionismus, ein Zurückstellen auf frühere Zeiten, eine willkommene Deckung: für alle Lauen und Halben bedeutet, sondern daß nur sie geeignet ist, unser Verhältnis zur Aufbauarbeit Palästinas gesünder und glücklicher zu gestalten und — unser Verhältnis zum K. J.V. neuzu festigen. Wir werden das K. J. V. wieder lieben als die Stätte, die uns die Möglichkeit gibt, mit Gleichgestimmten vereint auf Erez-Israel hinzu-