Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Möglichkeiten der Besserung 255 Stehens herleiten werden. Und es muß schließlich, als Resultat dieser traurigen Erscheinungen, allen Ernstes die Frage nach der Daseinsberechtigung des K. J. V. in seiner jetzigen Form aufgeworfen werden. Es ist eine heute in unserem Kreise wohl allgemein anerkannte Tatsache, daß die Kluft, die früher zwischen Alten Herren (der B. J. C- resp. K. Z. V.-Zeit) und den jüngeren Generationen der K. J. V.er (1914—1917) Gestehen sollte, sich durch den Krieg derart verschoben hat, daß die Bundesbrüder von Friedens- und Kriegszeit gegenüberstehen den Jungen, die nach der Revolution zu uns kamen und in ihrer überwiegenden Mehrheit keine Soldaten waren. — Früher bedeutete der Eintritt ins K. J. V. <eine Verstandes- oder gefühlsmäßig herbeigeführte Entscheidung für den Einzelnen in seiner jüdischen Einstellung, die ihn in einen nicht immer leicht zu erfüllenden Kreis von Pflichten zwang. Man entschied sich für den Zionismus und wurde durch Erziehung und Milieu Zionist, wurde es durch innere und äußere Kämpfe: auf Grund einer seelischen Entwicklung, deren Endziel Palästina war. Heute glauben die Jungen, Zionisten .zu sein, wenn sie zu uns kommen (die Zahl der Assimilanten, die wir gewinnen, ist verschwindend gering); sie suchen eine Gemeinschaft von Ihren adäquaten Gesinnungsgenossen zwecks gemeinsamer Arbeit und gegenseitiger geistiger und — beruflicher Förderung. (Eine Unterhaltung mit erstsemesterigen Füxen hat mir das deutlich gezeigt.) Ihnen fehlt das Bewußtsein, in einen Kreis zu kommen, der einer Idee dient, mit einer Leidenschaft und Hingabe, die sie selber packt und mitreißt; sie spüren keinen Hauch jener Geschlossenheit, die der „äußere Feind" uns einst gab. Dies die eine Ursache für das mangelnde Gemeinschaftsgefühl; ■eine zweite ist die Ünmöglichkeit für den Einzelnen, im Rahmen der Verlbindung, wie er heute besteht, einem andern menschlich näher zu kommen. Ja, nicht einmal der Trieb dazu ist vorhanden: zu den Wanderungen, der einzigen Gelegenheit, kommt kein Mensch. Diese jungen Bundesbrüder sind im Grunde viel weniger Individualisten, wie es früher der Fall war, sind viel weniger von literarischen und künstlerischen Interessen gefangen; aber sie sind Berufsmenschen schon im Anfang ihres Studiums und denken bereits im ersten Semester ans Examen. Die Besten unserer Füxe, die ein Erlebnis erwarten, gehen uns verloren, treten, wenn sie Zionisten sind, in den Blau-Weiß über oder geben .sich ganz ihren Privatneigungen hin. Warum kann das K. J. V. diese nicht an sich fesseln und jenen andern, zuerst bezeichneten, etwas von der ihnen verloren gegangenen Jugendlichkeit ersetzen? Weil unsere Verbindungen in doppelter Hinsicht ein unnatürliches Fundament haben: bedingt in engerem Sinn durch das Zusammenleben der Bundesbrüder, in weiterem Ausmaß durch die gegenwärtige Grundeinstellung des Kartells als Ganzen. Die Basis unseres Verbindungslebens ist heute die Arbeit an dem ^einzelnen Bundesbruder, die durch unser Erziehungsprogramm formal festgelegt ist, und die Arbeit für die zionistische Organisation. Man geht von einer an sich ganz richtigen Voraussetzung aus, wenn man glaubt, daß gemeinsames Arbeiten das beste Mittel sei, um Menschen zusammenzuhalten und aneinander zu ketten; aber man übersieht dabei «ins: daß Jugend noch etwas anderes braucht, um ein Gemeinschafts - erlebnis zu haben: etwas, das nicht „Tachles" im Sinne unserer Realisten ist, sondern aus dem Gefühlsleben stammt und auf diesen <bei jedem verschieden stark ausgeprägten, aber bei allen vorhandenen) Teil unseres Ich wirkt. Solch irrationales Moment kann eine überragende Persönlichkeit für einen engeren Kreis bedeuten; es lag in amseren früheren studentischen Formen, so „unjüdisch" sie uns heute auch erscheinen mögen (womit ihnen nicht das Wort geredet werden soll!); es kann jetzt nur in engstem, menschlichem Zusammenhang die Bundesbrüder für uns neu erstehen. Durch diess