Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Möglich Veiten der Besserung wegtäuschen kann, den Versuch zu machen, einen Zustand aufzudecken, den nur wenige sehen und viele nicht sehen wollen. Verpflichtung treibt dazu, aus der stumpfen Gleichgültigkeit sich herauszureißen und —wenn auch mit geringer Zuversicht — Möglichkeiten der Besserung zu suchen; und auch Liebe zu dem Bunde, der einem einst so strahlend erschien und jetzt so leblos dahinsiecht. Der J. St. erscheint in monateiangen Abständen. Wird er vom Kartell vermißt? Der Redakteur meint sicher, daß es nicht der Fall ist: denn sonst würde er aus allen Himmelsrichtungen mahnende, drängende Briefe bekommen. — Und ich sage: er wird doch, schmerzlich, entbehrt! Nicht mit dem Inhalt der letzten Hefte, die amtliche Verlautbarungen und offizielle Leitartikel enthielten, — aber mit all jener Jugendlichkeit des Wortkampfs, mit jener Leidenschaftlichkeit der geistigen Auseinandersetzung, wie vor noch nicht zu ferner Zeit. Wenn heute keine enttäuschten Stimmen bis an das Ohr des Präsidiums dringen, so liegt das allein an der beschämenden, aber trotzdem wahren Tatsache: daß man sich, resigniert, abgefunden hat. Als wir vom letzten Kartelltag kamen, blickten wir hoffnungsvoll in die Zukunft. Wir hatten eine erhebliche Schar von Bundesbrüdern gesehen, die mit Energie und Liebe arbeiten wollten; wir glaubten, ein Präsidium gewählt zu haben, das diese Arbeit zielbewußt leiten würde; und vor allem schien uns die Grundlage für eine gesunde Entwicklung dadurch geschaffen, daß wir ganz klar eine Abkehr von dem Radikalismus der Worte ausgesprochen und konkrete Forderungen in Fragen der Erziehung und Außenarbeit aufgestellt haben, die durchaus in den Grenzen des Erreichbaren lagen. Und die Folge? Während man im vorigen Jahre noch das Erbärmliche der Situation empfand und die „Krise" laut und vernehmlich konstatierte, ist sie jetzt zu einer Selbstverständlichkeit geworden, über die-zu reden es sich kaum verlohnt. Charakteristisch für diese Wertung des K. J. V. seitens der Bundes - brüder scheint mir, von vielem willkürlich herausgegriffen, dies: Blumenfeld hielt vor einigen Monaten auf der Tagung der Erziehungskommission vor zahlreichen Zuhörern einen Vortrag über „Politische Erziehung", der — man mag zu seiner Tendenz stehen, wie man wolle — eine Fülle von Anregungen gab und unser Erziehungsprinzip in eine Richtung lenken wollte, die eine grundsätzliche Entscheidung zur Voraussetzung haben mußte. Die Forderungen der „Intensivierung", des „Wesenhaftmachens" unseres Zionismus, die Blumenfeld vor Jahren aufstellte, und die semesterlang Gegenstand der lebhaftesten Diskussionen in Wort und Schrift bildeten, waren vorher nicht von größerer Bedeutung. Und jetzt ist in sechs Monaten keine bejahende oder verneinende Ansicht bekannt geworden, ist das Problem im engeren Freundeskreis vielleicht erörtert und dann für den Einzelnen entschieden worden. Damals identifizierte sich jeder Bundesbruder mit dem Kartell, spürte die Verpflichtung, bei der Klärung der Begriffe mitzuhelfen; heute sieht er im K. J. V. die Organisation, der er noch angehört (was er mit der Beitragsquittung jedem nachweisen kann), ohne ihr innerlich verbunden zu sein, ohne daran zu denken, persönliches Erlebnis und daraus gewonnene Einsicht mit der Ausgestaltung des Kartells zu verknüpfen. Und diese negative Einstellung hat ihre sichtbaren Folgen auf das Leben der Verbindungen. Es muß einmal mit voller nüchterner Klarheit, versucht werden, die Ursachen für das völlige Scheitern jeder erzieherischen Arbeit innerhalb der Korporation, für den erschreckenden, von Semester zu Semester deutlicher werdenden Mangel an jenem Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl, das wir in sagenhaften Zeitesn „Bundesbrüderlichkeit" nannten, zu finden. Es ist notwendig, die Gründe zu eruieren für die dauernd zunehmende Interesselosigkeit aller älteren Bundesbrüder, die doch aus irgendwelchen Momenten die Berechtigung ihres Beiseite-