Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Möglichkeiten der Besserung 253 verpufft, und das Leben in solcher Spannung schädigt den Organismus, ist nicht nur für den Glückseligkeitsstreber unerträglich und jeder gesunden Arbeit feindlich. Aber auf das K. J. V. angewendet, ist diese Forderung geradezu absurd; denn wer wollte beim Anblick unserer Korporationen ihnen noch dauernd angespanntes Leben überhaupt zutrauen? Und zur Charakterisierung der Gegner glaubte man ihre Einstellung mit den Schlagworten „mystisches Vertrauen und Skepsis" genügend erklären zu können. — Das Paradoxon sollte alle Nörgler verstummen machen, leider trifft es nicht zu, denn nach alldem, was man erlebt hat, wird nur ein ganz Naiver noch ein schwaches, geschweige denn ein mystisches Vertrauen auf andere in sich tragen. Im Anfang wurde nicht geschaffen, wie Blumenfeld sagte, sondern im Anfang und leider noch viel später war und ist bei uns: das Wort Für mich war die persönliche Einstellung auf Palästina, wie sie von unseren Bundesbrüdern verlangt wurde, eine Forderung, die ich erfüllen zu sollen glaubte. Und die Uberwindung der inneren Schwierigkeiten, die aus der Einsicht in die Unmöglichkeit ihrer Verwirklichung in absehbarer Zeit für mich entstanden, macht mir noch heute zu schaffen. Anders die Mehrzahl unserer Bundesbrüder. Auch sie haben jene Forderung erhoben, auch sie sind bis heute nicht drüben, auch sie werden in absehbarer Zeit nicht hinübergehen, aber das veranlaßt sie nicht zu innerer Einkehr. Die Hauptsache ist ja die radikale Forderung, das erhebende Gefühl, in der Reihe der Vollwertigen zu stehen. Das ist die erschreckende Unwahrhaftigkeit, an der wir kranken, die dauernd das Gefühl des Krisenzustandes aufkommen läßt. Ihr gegenüber treten alle anderen Ursachen zurück, obwohl auch sie erkannt und überwunden werden müssen: so der Ausfall mehrerer Generationen mit einheitlicher K. J. V.-Erziehung, das Fehlen prägnanter Formen nach dem Verlust der alten. Die schwierigen sozialen Verhältnisse vieler Bundesbrüder, die ihnen eine intensive Anteilnahme am Leben der Verbindungen unmöglich machen, die Schwierigkeit, für an jüdischen Kenntnissen weitüberlegene Abiturienten aus Lodz und Warschau und solche aus Deutschland gemeinsame Erziehungsarbeit zu leisten. Trotz alledem aber komme ich zu einem anderen Ergebnis wie Holdheim. Ich glaube, daß wir nach schonungsloser Aufdeckung aller phrasenhaften Unwahrheiten, die zur richtigen Erkenntnis unserer Situation führen muß, noch immer die Möglichkeit gesunder Arbeit haben, denn das K. J. V. hat noch immer seine Existenzberechtigung. Es ist die gleiche wie die zurzeit seiner Gründung: Den Kampf gegen die Assimilation für die Erhaltung des nationalen Judentums zu führen, Sammelpunkt der zionistischen Akademiker und Bildungsverwandter Deutschlands und Erziehungsstätte der jüdischen, akademischen Assimilationsjugend zu sein, Gewiß ist diese Aufgabe nicht so erhebend und heroisch wie die einer Erziehung zur Chaluziuth, aber sie ist trotzdem notwendig, sie verspricht sehr bedeutende Erfolge, durchaus auch solche der Übersiedlung nach Palästina, und sie ist die aus der Lage allein gegebene. Möglichkeiten der Besserung. Von Arthur Sonnenfeld (V. J. St. Hasmonaea-Berlin. A. H.) *) Es ist keine angenehme Aufgabe, in Zeiten der Ruhe und Zufriedenheit, in denen selbst das einst so geläufige Krisengeschrei verstummt ist und nicht einmal der Anschein von Tätigkeit über gähnende Leere hin- ') Siehe Fußnote S. 252.