Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Zur „Krise« Oder soll man auch zur Holdheimschen Prozentrechnung kein Ver^ trauen haben? Die Logarithmentafeln konnten mir keinen Aufschluß darüber geben, was wohl mehr bedeutet, 100 o/o alter Währung, in goldener Einmaligkeit und valutaschwankender Vergänglichkeit, vom vollen Werte eines jugendlichen Idealismus, oder 10% neuer Bewährung, Jahr für Jahr, ohne Pause, von der eisernen Notwendigkeit zäher Hingabe berechnet. . . . Aber ich habe in der letzten Nacht geträumt, ich sollte K. J. V. - Aktien kaufen: die werden jungen und steigen. Gemach, Freunde . . . .! Zur „Krise".*) Von Ernst Wreszynski (V.J. St. Hasmonaea-Berlin A. H.). Beim Lesen des Holdheimschen Aufsatzes und des Nachwortes von Bileski gewann ich den Eindruck, daß nichts besser die Richtigkeit der Holdheimschen Kritik beweist als die Erwiderung unseres Präsiden. Auch wer nicht wie der Verfasser dieser Zeilen seit, langem die Sätze Holdheims fast wörtlich bei seiner Beurteilung der K. J. V.-Situation anwendet, müßte durch die oberflächliche Art, mit der Bileski ein so ehrliches Bekenntnis abtun zu können glaubt, wie es der Holdheimsche Aufsatz darstellt, von der Unwahrhaftigkeit unseres K. J. V.er-Lebens überzeugt werden. Wie kann der Präside des Kartells die Frage nach der Anzahl der nichtzionistischen Aktivmeldungen ironisch ablehnen, wo es für jeden Beobachter der Keilarbeit feststeht, daß außer in den Sportverbindungen nur verschwindend wenige Aktivmeldungen aus Assimilantenkreisen vorliegen? Was sollen weiter die Worte von der Bewertung der persönlichen Entwicklung des Einzelnen nach zionistischen Gesichtspunkten oder die von der Freiheit der Jüngeren, ihr Leben zionistisch einzurichten? Gerade die Rede und Denkweise, die sich in solchen Sätzen typisch dokumentiert, ist die Ursache der Krankheit, an der wir leiden. Ich will zur Erklärung auf die Möglichkeit des Versuches einer zionistischen Lebensgestaltung eingehen: Eine solche Bezeichnung trifft nur für das Leben derjenigen zu, die nach zionistischen Gesichtspunkten ihr Leben von Grund aus umgestalten, d. h. nach Palästina gehen oder sich in erheblichem Umfang in den Dienst der Organisation stellen. Die anderen aber sollten in ehrlicher Erkenntnis der für sie gegebenen Galuthnotwendigkeit sich eine bescheidene Beschränkung auferlegen. Diese Einsicht aber mit dem laut vorgetragenen Idealpostulat der Chaluziuth zu vereinigen, erscheint mit als innerer Widerspruch. Ich bin überzeugt, daß dieser den wenigsten zum Bewußtsein kommt. Denn die Schwächen der deutschen Parteipolitik, die ganz nach Überschriften und fast nirgends nach sachlichem Inhalt orientiert ist, haben in unseren Kreisen eine kaum für möglich gehaltene Steigerung erfahren. Man jongliert mit den Begriffen und Theorien, erfindet nach Bedarf zu jeder Zeit neue und vertritt sie dann mit bewundernswerter Entschlossenheit. „Eine ununterbrochene Spannung" ist das, was uns nottun soll (Blumenfeld). Diese Forderung ist an sich schon ungesund, denn dauernde Spannung führt im günstigsten Falle zu explosiver Entladung, die bekanntlich schnell *) Gegenüber den Schilderungen der tatsächlichen Zustände, die von Wreszynski und auch von Sonnenfeld gegeben werden, ist der Hinweis notwendig, daß diese Feststellungen, zum mindesten in der y>n ihnen behaupteten Allgemeinheit, der Wirklichkeit nicht entsprechen. — M. B.