Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 6 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Diagnose 251 entwickeltes Innenleben zuzutrauen, so müßte ich den Moment fürchten, wo man nicht dem Kartell, sondern der zionistischen Idee die Todesdiagnose stellt. Da aber hierzu jetzt nicht die Zeit ist, wird es wohl mehr darauf ankommen, zu überwinden: geistige und sachliche Schwierigkeiten, das von ratlosem Staunen erfüllte Fremdheitsgefühl gegenüber „den wenigen" Chaluzim und dem fernen Palästina, und vor allem — immer wieder von neuem sich selbst. Vielleicht gelingt es einem dabei, auch einen Teil seines Innenlebens zu überwinden, die ewig menschliche Schwäche. Aber da wir vom Kartell reden, so wollen wir einmal die Individualitätstheorie an der Wirklichkeit messen. Iqh erinnere mich einer Zeit, es war kurz nach dem Kriege, da spielten sich in der Maccabaea-Berlin heftige Kämpfe ab. Es war kein Leben in die Verbindung zu kriegen, da sich dort in grotesker Eigenwilligkeit lauter „Individualisten" tummelten, denen ihr Innenleben teurer war als die primitivste Verbindungsdisziplin. Sie zu entfernen gelang den „Unentwegten" nicht, da sie immer an Holdheim Stab und Stütze fanden. Und während dann die „Unentwegten" am Ruder-V. J. St. bauen halfen, bis seine Stärke selbst Holdheim imponierte, ohne daß bisher auch nur ein einziger über seelische Verkrüppelung geklagt hätte, entschlief die Maccabaea eines sanften Todes. Ich hatte ihr drei Semester vorher die Todesdiagnose gestellt. Jetzt fanden sich drei jung gebliebene „unentwegte" Alte Herren, die mit nimmermüder Energie und ohne Rücksicht auf viel zu vieles Eigenbrödeln die Maccabaea auf neuer Basis, mit frischen jungen Kräften wieder aufbauten, und siehe da — sie lebt seit dieser Zeit den frappanten Beweis gegen alle Diagnosen. Dies Erlebnis hat mir immer zu denken gegeben, offenbar ist Diagnose noch kein zureichender Grund für den Eintritt des Todes ... Es bleibt noch übrig, den Begriff der „Verlogenheit" zu prüfen, die von unseren Kritikern immer wieder den „Unentwegten" vorgeworfen wird, welche zwischen Forderung und Erfüllbarkeit einen weiten Raum klaffen lassen. Vor der Balfourdeklaration, auf ideelle Postulate bezogen, soll solche Divergenz die Vorbedingung und der gesündeste Nährboden für idealgetränkte Siegerstimmung gewesen sein, heute, auf die rauhe Wirklichkeit angewandt, auf Geld, Zeit und tägliche Bereitschaft im kleinen wie im großen — eine Verlogenheit? Man kann über die Taktik bei hochgespannten oder selbst überspannten Forderungen verschiedener Meinung sein, die Ansicht über das Tempo erwarteter Erfolge kann auseinandergehen, aber man soll sich hüten, moralische Begriffe in solche politische Kritik hineinzutragen. Sonst muß man gewärtig sein, das Gleiche zu erfahren. Bedeutet es denn etwas anderes, wenn Holdheim dem Karteil —, und zwar diesem K. J. V. mit der Belastung durch traditionelle Vergangenheit und größtenteils inaktive Altherrenschaft, mit den Kriegsverlusten an bestem Erziehungsmaterial und dem Zeitverlust von acht bis neun Jahren (solange dauert es, bis die Jüngsten heranwachsen, die ca. zwei Jahre nach der Revolution zuerst wieder eine halbwegs konsolidierte K. J. V.-Erziehung durchmachen konnten) — diesem Kartell die reine Chaluzi^uth als einzigen Maßstab vor Augen hält und seine augenblickliche Unerreichbarkeit feststellt? Und wenn man schon diese Forderung, um jede Verlogenheit zu vermeiden, nicht an das Kartell stellt, was hat es für einen Sinn, aus der offenbar gähnenden Kluft zwischen dem jetzt gesehenen Zustand und dem fiktiven Ziel eine Ideologie herauszudestilfieren, nach der man resigniert seinem Gemeinschaftstod ins Auge schauen muß, statt einfach abzuwarten und zu arbeiten? Selbstverständlich dauert eine reale Übersiedlung und geistige Umsiedlung mit allen erzieherischen Vorbereitungen länger als der früher so beliebte und von Holdheim so gelobte fixe psychische Sprung in die alttestamentarischen Gefilde; mit längeren Zeiträumen bei jeder Verwirklichung zu rechnen, will gelernt sein, und wenn es nicht anders geht, aus den 900/0 Rabatt, die einem das Leben schon öfter gegeben hat. %