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Der jüdische Student · 1921-11-01 · Heft 6 (November 1921) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
18 (1921)
Issue
Heft 6 (November 1921)
Date
1921-11-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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250 Zur Diagnose und darf auf die Analyse der ideologischen Entwicklung des Kartells nicht eingehen; statt voller Beleuchtung mögen einige Streiflichter genügen. Von Erich Cohn hörte ich einmal das Apercu: Einen Goi hält man solange für einen anständigen Menschen, bis das Gegenteil erwiesem ist; der Goi aber hält einen Juden solange für^ einen unanständigen Menschen, bis das Gegenteil erwiesen ist. Daraus habe ich gelernt, daß man. richtigerweise Menschen, Kulturen, Gruppen nach dem Besten beurteilen, muß, was darinnen steckt. Für eine Korporation oder ein Kartell, das. in der zionistischen Bewegung lebt, ist der beste Bestandteil der allein gültige Maßstab. Holdheim vergißt dies. Das Vorkriegskartell nach: der Maccabaea und wenigen Gleichgesinnten zu beurteilen und die oberflächliche und korporative Öde weitester Kreise in seinem Gedächtnis zit unterdrücken, das Nachkriegskartell dagegen nach einigen Outsidern, mit denen man persönlichen Verkehr pflegt, oder nach solchen, die das Be^ dürfnis haben, den J. St. mit Klagen und Zweifeln anzufüllen, zu wertem und von den jungen lebensfähigen und lebensdurstigen Kräften in der Aktivitas, die sich nicht tot diagnostizieren lassen, zu sagen: „Die wenigen zählen nicht" — heißt das gerechte Maßstäbe anlegen? Glaubt denn noch jemand ernstlich an die rosige Gedächtnistäuschung Altgewordener,, daß es früher so herrlich war . . .? Und doch ist das Urteil über das j,Früher" zutreffend, weil die wenigen Starken dem Ganzen das Gepräge gaben und den Weg wiesen; aber ebenso haben die wenigen jetzt das Recht, daß man sie als den gesunden Kern anerkennt, der berufen ist» aus der Minorität von heute zur führenden Majorität von morgen zu werden. Unsere Kritiker im J. St. merken nur nichts davon. Hätten sie nur den geringsten lebendigen Zusammenhang mit den Jüngeren, die sich jetzt als das Kartell fühlen — L'etat c'est moi — es könnte ihnen nicht entgangen sein; so aber sind sie gezwungen, sich ihre Kenntnisse vom einigen peripherischen Gemütern zu holen, die es gut meinen, aber ahnungslos sind; oder aus dem J. St. Hier liegt aber ein naturnotwendiger Unterschied zwischen dem früheren und jetzigen Aussehen unseres Kartellorgans vor. Da vor dem Krieg geistiger Kampf, Propaganda und Ideen Vertiefung innerlichste Aufgabe unserer Besten war, so konnte der J. St. der literarische Niederschlag all dessen,, was uns bewegte, sein und ein getreues Abbild vom wesentlichen Gehalt unseres Erlebens darstellen. Heute, wo Beschäftigung mit Praxis,, Materienbeherrschung, Vorbereitung, Verwirklichung das zionistische Jugenderlebnis färbt, ist es ganz verständlich, wenn sich die Besten unserer Jungen nicht mehr literarisch niederschlagen. Es ist daher eher zu befürchten, daß ein fehldiagnostizierter Sport-V. J. Ster Holdheim eine Herausforderung zum Boxkampf Überschi 2kt, daß die Ruder-V. J. St.er beim nächsten Rastfeuer dem Ketzer Holdheim einen Scheiterhaufen errichten, und daß die jungen neuerstandenen Bundesbrüder der Maccabaea sich auf der nächsten Nachtwanderung wehmütig fragen werden, ob sie noch leben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf; und wenn diese Jungen dem J. St.-Redakteur wider alle Erfahrung ein Lebenszeichen geben sollten, so wird auch dies wohl weniger einem immanenten Schreibdrange entsprechen, als vielmehr ein Anzeichen dafür sein, da& gut erzogene Füxe, wenn es darauf ankommt, auch den Federhalter ztE kauen bereit sind, um ihrem Kartellorgan nicht ein gar so tristes Aussehen zu lassen. y Es verlohnt hier nicht, immer wieder ^auf den Konflikt zwischen: Individualitätsdrang und Staatsbürgergefühl einzugehen; Innenleben ist keine Angelegenheit literarischer Verwertung. Skeptisch stimmt mich nur der Gedanke, daß alle mit Seelenleben begabten Wesen zu Anschauungen und Konsequenzen gelangen könnten, die denen Holdheims ähnlich, sind. Da ich den Mut habe, allen Zionisten ein mehr oder weniger hoch-

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