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Der jüdische Student · 1921-09-01 · Heft 5 (September 1921) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
18 (1921)
Issue
Heft 5 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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196 Erstes Semester im Kartell * der Gedankenblähungen, zur Sachlichkeit ohne Pointen oder Spitzen, zur Selbstzucht, zu Disziplin. Geistigkeit? Windeier, die von Gernegroßen unbedingt ausgebrütet werden müssen. Konvent? Ein wirres Durcheinander von Kraftworten, Drohungen — es sollen sogar» schon Tätlichkeiten vorgekommen sein! — von Silentiumrufen, Schreien „zur Geschäftsordnung", Beschwerden, Witzen, Poenen: ein Gemisch aus Ghetto und Literatenkultur, Volksversammlung und Kaffeeklatsch. Wenig reife Männer, wenig ganze Menschen. Der größte Teil: mehr oder weniger Aufgeregte, Witzbolde, Neunmalkluge, Krakehler (von Profession, Besserwisser. Man hat. mich bedauert, daß der Konvent mein erstes Erlebnis in der Verbindung sein müsse. Doch es war neben der Abkühlung auch die Feuerprobe. Ob ich sie später bestanden hätte? Nach der Erkenntnis, daß die Phrasenschmiede, die Kritikaster, die Jeremiasse in der Verbindung selten, beim Arbeiten'noch seltener zu sehen waren? Daß sie nur auf einen Klamauk, einen Stunk warteten, diese Viel-zu-Vielen, gegen die man nicht vorzugehen wagt? Ich habe niemals verstanden, warum ein Konvent,auch „hochoffiziell" gemacht wird. Konvent: das ist das Signal für alle die Lauen, denen die Atmosphäre von Schall und Rauch allzu vertraut ist", als daß sie sie. missen könnten. Nein, da fehjft so leicht keiner. Da kann man reden — auch mit den Händen, ohne aufzufallen — brüllen, unterbrechen, anschnauzen, entrüstet sein, überlegen tun, Anträge stellen, Vorschläge verwerfen, Witze hören, maßlos viel fremde "Zigaretten rauchen: Konvent ist der Clou des Ganzen. Ihn zu vermeiden, ist leider. — etwas Positives ergibt sich ja doch zum Schluß wegen der Anwesenheit von einigen Einsichtigen, gegen die aber als „Größen des Kartells" (so hörte ich sie z. B. nennen) von. den Kleinen des Kartells Sturm gelaufen wird — so wenig möglich, wie ihn alle Abend anzusetzen, um eine größere Anzahl der älteren Bundesbrüder zu den Veranstaltungen zu locken. Ein Mittel nur gibt es, um aus dem so häufigen Bierulk einen Konvent zu machen: Erziehung in der Verbindung, wenn die Kinderstube fehlt oder versagt, die bewußt oder unbewußt für uns geformt hat. III. Die Gemeinschaft. Erziehung im Kartell: ein Problem, das uns neu Eintretenden so fern liegt ~ bis sich uns das andere, das der Gemeinschaft, als schwieriger erweist, als wir im Anfang glaubten. Wir, die wir — anders als die Blau-Weißen z. B. — aus einem Lebensabschnitt der Oberflächlichkeit oder der völligen Erstarrung in das Kartell kommen, bringen einen Hunger nach Zielen mit, der den Hunger nach Menschen verschlungen zu haben scheint: so leicht sind wir geneigt, dieses Problem zu lösen, wenn wir überhaupt gewillt oder befähigt sind, es als Problem anzuerkennen. Von der Macht des zionistischen Gedankens noch überwältigt und§ noch zu befangen in den alten Anschauungen, die sich an die gewohnte Terminologie knüpfen, machen wir dem Kartell die Lösung leicht: Gemeinschaft, nehmen wir an, sei Zweck zu gegenseitiger Bereicherung, Förderung und Arbeit, Boden und Bindung bilde unsere Sache, unser Ideal. Allmählich erst kommt uns das Bewußtsein, das uns zu unseren Voraussetzungen das Wichtigste fehlt, daß wir uns mit unserm Bekenntnis zum Zionismus immer noch in der Luft des Problematischen, zwischen Himmel und Erde befinden, weil wir die alten Formen abschwören zu müssen glaubten, umin eine jüdische Gemeinschaft zu treten. Nun hatten wir uns losgesagt von einer fremden Form, die uns fremden Gehalt in fremder Gestalt gab, kamen mit dem Willen zum Neuen, Echten, kamen ins Kartell, um den neuen Inhalt in eine angemessene Form zu" pressen oder ihn in ihr zu empfangen. (Ich ver-

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