Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 5 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537766--5309-3543424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 Sind das Ketzergedänken? breiten darf, deren praktische Realisierungsmöglichkeit mir selbst höchst fragwürdig erscheint. Der Gedanke, daß wir, wenn das K. J. V. überhaupt eine Jugendgemeinschaft bleiben soll, unseren Leuten die nicht allein auf Zionismus zu gründende gemeinschaftsbildende Basis geben müssen, scheint mir nach wie vor unantastbar. Deutlich zeigt sich, daß die Ruder- und Sportvereine so ziemlich die einzigen Korporationen sind, die über ihre Daseinsberechtigung nicht zu diskutieren brauchen.- Und tief bin ich und viele mit mir davon überzeugt, daß das frische Leben und der Gemeinschaftsgeist, die dort herrschen, durch außerhalb des Zionismus liegende Gemeinsamkeiten zu erklären sind. Mit zionistischer Theorie und jüdischer Geschichte und Hebräisch allein und vielleicht etlichen "ungern besuchten Wanderungen als Beilage sättigt man Menschen nicht, die nach Leben hungern. Wird ihnen nicht das „Brot" menschlicher Bindung gegeben, so werden sie die jüdischen Forderungen als Steine empfinden. Da ich nun aber nicht in der Lage bin, in konkreter Form Gesichtspunkte anzugeben, nach denen sich die neu zu büdenden Gruppen' zusammenschließen, da mir die Vorstellung seiner Berufs- und Interessenorganisationen Schauder bereitet, und da ich stark daran zweifle, daß die natürlichen Bindungen, die der Sport gewährleistet, auf andere Weise überhaupt geschaffen werden können — aus allen diesen Gründen bekenne ich offen, daß ich keine Zukunft für das K. J. V. erkennen kann. Trotz dieser trostlosen Perspektive scheue ich mich nicht, dem heutigen Kartell meine Todesdiagnose zu erklären. Und wer ein solches Tun verantwortungslos schilt, dem erkläre ich, daß es mir verantwortungsloser erscheint, dem Zustand des langsamen Siechtums unter dem Deckmantel radikaler Gesten weiterhin obrigkeitliche Sanktionierung zu erteilen. Man darf nicht Forderungen aufstellen, die in schreiendem Kontrast zu der Gesinnung der Geführten stehen. Man darf nicht eine Atmosphäre dulden, in der dem reinlichen Menschen das Atmen sauer wird. Man darf nicht länger versuchen, frische, lebenshungrige Menschen für diese Leichname von Korporationen zu werben. Der jetzige Zustand ist unerträglich geworden. Vielleicht ersteht dem K. J. V. ein Retter, der neue gangbare Wege weisen kann. Vielleicht dient gerade diese verzweifelte Kennzeichnung der Lage dazu, Bewegung in die träge Masse zu bringen. Mein heimlicher Wunsch ist es, daß ich unrecht habe und mir — nicht durch das Wort — (das ist sehr billig) — durch die Tat bewiesen werde, daß starke Kräfte bereit und imstande sind, ein neues K.J.V. zu .schaffen. An, Glauben fehlt es mir. Mit diesem Aufsatze habe ich eine herzlich undankbare Aufgabe erfüllt. Ich weiß, daß die Rechtgläubigen den Ketzer steinigen möchten. Wem die Reinheit der Erkenntnis .über alles gilt, den ficht das nicht an. Zion wird durch Wenige aufgebaut werden. Und auch hur Wenige werden so erfüllt sein, daß der steinige Boden des Galuth sie in ihrer zionistischen Intensität ungebrochen