Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 5 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sind das Ketzergedanken? 189 wenn Inkongruenz herrscht zwischen dem Ziel, das man zeigt, und dem lebendigen Quell, aus dem die Menschen ihr Leben speisen. Ich aber glaube, daß Lebenskraft und Lebenswille das stärkste und das einzige Gesetz des Menschen ist und daß Führertum allein heißt, die Lebensäußerungen der Geführten zu begreifen und nicht gegen sie, sondern in der Linie ihrer Möglichkeiten die Willen zu lenken. Seht euch die Menschen an, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, und-ihr werdet nur verschwindend wenige finden, die in ihrem V. J. St.ergeist mit dem guten Durchschnitt der Vorkriegssemester verglichen werden können. Und begreift, daß eine neue Zeit angebrochen ist und es nunmehr heißt, mit alten Glaubenssätzen zu brechen und dieser neuen Zeit, die sich in neuen Menschen verkörpert, gerecht zu werden. Das Dogma der früheren Zeit lautete, daß allein der nationale Wille Jugend so einen kann, daß sie Gemeinschaft und Lebensmitte erblickt. Das war damals richtig, weil die nationale Kampfeinstellung alle menschlichen Kräfte" zu lösen vermochte,, weil Zionismus ein gut Teil Weltanschauung involvierte und all das, was man in stiller Stunde in sich unterdrückt fühlte, vom strahlenden Glücksgefühl der 100° oig gelebten Idee kompensiert wurde. Das waren Bedingungen, die selbst extrem individualistisch gesinnte jüdische Jugend den Weg in den. Korporationszwarig finden ließ. Und für diejenigen, die heute allein die schöpferischen Kräfte der zionistischen Bewegung darstellen, für unsere Chaluzim, hat die alte Lehre zweifellos auch jetzt noch ihre Berechtigung. Denn wer sich fähig fühlt, aus innerstem Drange mit allem zu brechen, was Europa heißt, wer sich ganz und ungeteilt der zionistischen Erfüllung verschenken kann (es gibt auch viel Abenteurer und Verführte unter den Chaluzim), den beherrscht die nationale Idee mit so ausschließlicher Gewalt, daß sie auf ihrer alleinigen Grundlage engste Gemeinschaftsbildung ermöglicht. Das K. J. V. aber kann nur der Repräsentant des Diasporanationalismus sein. Die ganz Wenigen, zählen nicht. Die andern werden im besten Falle zum »Maasserzionismus zu erziehen sein. Schwer fällt es dem, der in den vordersten Reihen gefochten und die glückhaften Zeiten des ungeteilten, sieghaften Ideals miterlebt hat, die Resignation der heutigen Jugend festzustellen. ' Aber wer ungetrübten Auges ist und sich von Kartelltagsstimmungen und klingenden Resolutionen nicht blenden läßt, wer immer deutlicher sieht, daß noch nicht ein Zehntel seine Zehntelpflicht erfüllt, daß Sehwunglosigkeit und Indifferenz herrscht ^nd Mitläufertum fast schon zur Regel wird, der muß den Mut zu neuen Erkenntnissen finden. / Ihr fragt nach der Therapie und wollt Vorschläge hören, die meine Diagnose in aufbauendem Sinne auswerten sollen. Da will ich euch mitteilen, daß ein erster Entwurf dieses Artikels die Richtung andeutete, in der ich allein die Heilung erblickte. Nach langen Diskussionen mit alten bewährten K. J. V.ern habe ich jedoch einsehen müssen, daß ich dem Kartell nicht Vorschläge unter-