Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Bibel-Lektüre 155 II. Ziel und Zweck der Bibelarbeit. Diese Werte sind bisher nicht in ausreichender, unsere .Erziehungstendenz fördernder Weise ~ gehoben worden. Wir brauchen also eine planvolle Ergänzung unseres Erziehungssystems durch Bibellektüre. (Über das „Wie" später.) Was ist damit zu gewinnen? Dreifache Bereicherung kann und muß das Ergebnis sein: an Stoff, an Form, an Gehalt. 1. An Stoff: Unsere Jungens wissen erschreckend wehig von der ältesten Geschichte unseres Volkes, und aus den Quellen schon gar nichts. Den Akademiker muß es locken, die alten nationalen Geschichtsquellen mit den Methoden unserer Zeit zu lesen. So kann — auf reizvollerem Wege als durch die Lektüre von unter Umständen entstellenden Kompendien — die Kenntnis geschichtlicher Tatsachen, der altisraelitischen Literaturgeschichte, zahlreicher biblischer Realien, die für Palästina so wichtig sind (Geographie, Land und Leute, „Altertümer" usw.), vermittelt werden. Vor allem aber: Geschichte, Geschichte. „Öas Beste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie erregt", ruft Goethe aus bei seinem sonst so verschlossenen Sinn für geschichtliches Denken. (Natürlich lassen sich" unter diesem Gesichtspunkte Kurse oder Vorträge etwa über so wertvolle Themen wie „Die Bibel als Geschichtsquelle" oder „Die biblische Geschichtsschreibung" einfügen usw.) 2. An F o r m : Dauernde Beschäftigung mit dem klassischen Hebräisch der Bibel schafft und verfeinert das hebräische Stilgefühl, das durch den Rath nicht gewonnen werden kann. So bildet reichliche Bibelwie auch . Mischnalektüre eine nicht nur wertvolle, sondern m. E. unerläßliche Ergänzung zum neuhebräischen Sprachstudium. Die sprachlich-stilistischen und phraseologischen Ergebnisse des Bibelstudiums sind nicht zu unterschätzen. Hier führen Wege z.B. zu einer Betrachtung der Psychologie der hebräischen Sprache; mit der Sprache erschließt sich auch der so vielfältig in ihr geborgene Geist des Volkes. Aus den Eigentümlichkeiten seiner Literatur ergibt sich die Lösung mancher Rätsel der Volksseele. (Eine Bemerkung nebenbei: Eine Betrachtung über Wortwitz und Wortspiel im biblischen Schrifttum, die ich für die behandelten Zwecke fast fertig vorzuliegen habe, scheint mir manchen Ausblick auf bestimmte Faktoren unseres Nationalcharakters zu eröffnen.) 3. An Gehalt: Wir reden zwar viel vom alten jüdischen Volksgeist, aber wer kennt ihn? Wer kennt die Elemente unseres ursprünglichen Volkscharakters, zu dem wir unser eigenes Ich und unsere Volksseele wieder, nach so vielen unjüdischen Abirrungen, zurückentwickeln wollen! Wer kennt z.B. den Höhepunkt der geistigen und seelischen Kultur unserer Antike, wie er, von den Besten der Zeit, in der sozialen Forderung der Propheten erreicht wurde, anders als aus zweiter und dritter Hand? Hier ruhen, den meisten noch verschlossen, ideologische Erkenntnisse und Bereicherungsmöglichkeiten von richtunggebender Bedeutung. Denn nicht nur unser Wissen, auch unser Wille, der Wille zum Anknüpfen an die alte, ureigne, aus schwerstem .Leiden zu praktisch-sozialem Mitleiden entwickelte Volkstradition wird durch solche Beschäftigung beeinflußt und befruchtet. So kann für uns geschichtlich Gegebenes zugleich wieder zukünftig Aufgegebenes werden. III. Durchführung der Bibelarbeit. Ich habe bereits einmal im J. St. (Heft 3 vom Juni-Juli 1920) ein von solchen Voraussetzungen und Zielen ausgehendes hebräisches Arbeitsprogramm als regelmäßige Semester Institution für die Verbindungen veröffentlicht; welchen Anklang es und ob es irgendwo Verwirklichung gefunden hat, kann ich nicht sagen. Da unsere Jungen nicht Rabbiner oder Gelehrte sind noch durch uns werden sollen, sind besondere Methoden erforderlich, die dem durchschnittlichen Bildungsgrad unserer Jugend angepaßt sind. Das Programm lehnt sich, wie ich damals bereits andeutete, au das traditionelle jüdische Leben an und