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Der jüdische Student · 1921-06-01 · Heft 4 (Juni 1921) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
18 (1921)
Issue
Heft 4 (Juni 1921)
Date
1921-06-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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154 Bibel-Lektüre Bibel-Lektüre Auszug aus dem Referat auf der Erziehungstagung »von Bruno Kirschner, Berlin-Nikolassee I. Begründung der Bibelarbeit. Es ist davon auszugehen, daß unsere jüdische Erziehung nicht nur, wenn auch sicher vornehmlich, den jüdischen Willen stärken, jüdische Kräfte entbinden, sondern zugleich auch-.jüdisches-Gefühl vertiefen, unter Umständen überhaupt erst erzeugen .soll. In dieser Hinsicht istbisher wenig geschehen. Unsere Erziehung war stets mehr aktivistisch und intellektualistisch als auf das Gemüt gerichtet. Es ist nun klar, daß die Schaffung und Nahebringung eines jüdischen Versteh lungskreises — von dem Studium der Gegenwart, der Lenkung des Willens auf die jüdische Zukunft und andern wirksamen Erziehungsmitteln abgesehen — auf eindringlicher Beschäftigung mit der jüdischen Vergangenheit fußen muß. „Man muß die Tradition kennen, um der Gegen1wart zu dienen und die Zukunft vorzubereiten", sagt Harnack einmal. Hierbei kommt der Bibel eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie ist der literarische Niederschlag unserer ältesten nationalen Kultur, ziemlich das einzige Dokument aus der Zeit der Entstehung und klassischen Blüte unseres Volkstums; selbst wo sie die Rezeption fremder Kulturelemente wiedergibt, zeigt sie deren originelle nationale Verarbeitung. Aber die Bibel steht nicht nur am Anfang unserer nationalen Eigenkultur, sie ist, ein Verhältnis ziemlich ohne Parallele, die treuste Begleiterin unseres Volkes geblieben. Ihr geistiger Einfluß auf unsere Väter, auf die Quelle unseres Blutes, war unermeßlich; bis tief ins 19. Jahrhundert hinein war sie von allen, und von Millionen unserer Volksgenossen wird sie noch heute geliebt und vergöttert; ihre Lektüre wie ihr Studium war so Pflicht wie Herzenstrieb, in frühester Jugend begonnen und oft bis in die letzten Stunden fortgesetzt, die Bereicherung freudiger und der einzige Trost schmerzlicher Stunden. Ein solches Buch mußte den Charakter der ihm Ergebenen tief beeinflussen und ist auch für uns von Charakterbildender Kraft. Hier Ursache und Wirkung zu begreifen, sollte für einen K? J. V.er selbstverständliche Aufgabe sein; man muß erkennen, was man liebt (Buber). Immer übrigens gehen hochstehende Völker im Stadium ihrer nationalen Renaissance auf ihre alten Schriftdenkmäler zurück; ich denke an ähnliche Wurzeln des Humanismus, an Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, an Griechenland, Italien usw.- Tiefere Bibelkenntnis hat für uns übrigens noch von einer andern Seite aus erheblichen Wert: ihre Früchte können ein seelisches Bindeglied werden zwischen uns und dem jüdischen Osten. Dort ist man, bei aller Assimilation, doch zu einem guten Teil noch recht bibelfest, dies schon im Zusammenhang mit den Anforderungen des täglichen Lebens; die Beziehungen des Ostjuden zum Tenach sind tausendmal inniger als z. B. die (angeblichen) des Deutschen zu Goethe. Endlich aber bereitet Bibellektüre auch unserm Willen, die Verbindungen zu hebraisieren, ein hebräisches Leben zu führen, einen gebahnten Weg. Gewiß kann man Hebräisch auch nach dem Rath lernen; aber ich halte es unser für unwürdig, auf die rein mechanische Methode, von außen her, unserer neuerwachten Volkssprache näherzukommen, anstatt sie von der Zeit ihrer frischesten Jugend and - klassischen Reife her in sich aufzunehmen. Es dürfte überflüssig sein, den Charakter der Bibel als konstitutives Element für unsere Erziehung noch weiter zu begründen. Für die Erkenntnis unserer Antike, für das Begreifen bedeutsamer Komplexe unseres Volkscharakte r s, für das Verständnis wichtiger Vorgänge des jüdischen Lebens, namentlich im Osten, und für die würdige Vorbereitung unserer Zukunft stecken große Werte im biblischen Schrifttum.

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