Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Arbeit in Deutschland 151 Jüdische Arbeit in Deutschland*) Von Walter Preuß, Berlin Während man vor dem Kriege auch in jüdischen Kreisen gewöhnt war, unter jüdischer Arbeit diejenige Arbeit zu verstehen, die von den sogenannten sozial-höheren Klassen verrichtet wurde, man also, wenn man von Juden sprach, sofort an Rechtsanwälte, Kaufleute, Ärzte usw. zu denken hatte, hat seit dem Kriege in dieser Hinsicht eine bedeutende Wandlung eingesetzt. Es hat zwar auch schon vor dem Kriege in Deutschland eine Ostjuden-Siedlüng gegeben, aber sie bestand im wesentlichen aus Angehörigen derselben Schichten wie die Westjuden auch, d.h. es waren Kaufleute oder Händler, evtl. auch kleine Handwerker. Die nahe Berührung mit dem Osten eröffnete den Westjuden ganz neue Einblicke in jüdisches Leben und zum ersten Male gdng es auch diesen Volksschichten auf, daß jüdisch-soziales Leben von wirklich körperlich arbeitenden Menschen getragen werden könne. Der Krieg, mit all den unendlichen Leiden, die er über Juden gebracht hat, hat doch in der jüdischen Masse zweifellos produktivierend gewirkt, in dem Sinne, daß jüdische Menschen in ganz nahe Berührung mit wirklich produktiver Arbeit kamen. Während die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter vor dem Kriege sehr gering war, wäfirend noch die Ruppinsche Kriegsstatistik kaum Schlosser und Elektrotechniker als jüdische Berufe enthält, führte die gewaltige technische Leistung, die an sich der Krieg darstellte, jüdische Menschen zwangsweise in großen Scharen in diese Berufe. Dazu kam, daß Handel und Handwerk vollkommen unterbrachen wurde, wegen Absperrung der Grenzen und Rohstoffmangel, so daß die Berufsumschichtung eine zwangsläufige war. Zu vielen Tausenden wurden aus dem inneren Rußland jüdische junge Leute in die deutschen Fabriken und Kohlenbergwerke gebracht, wo sie bei dem Arbeitermangel, trotz aller Unmenschlichkeit, den diese zwangsweise Evakuierung darstellte, doch in technischer Hinsicht lernten. So ist es gekommen, daß Deutschland heute eine in sozialer Hinsicht sehr interessant geschichtete jüdische Arbeiterschaft hat. Nach dem Kriege wurden einerseits diese jüdischen Arbeiter zwangsweise wieder aus ihren Stellungen entfernt, auf der anderen Seite fand infolge der verschiedentliehsten Ursacnen, wie Militäremzienung zum polnischen Heer, Ruin der wirtschaftlichen Lage in Polen, Pogrome usw. eine sehr große Auswanderung statt, die sich, wie über andere Länder, auch über Deutschland ergoß und hier bot sich, infolge der Zwangslage, in dite die jüdischen Arbeiter gerieten, mannigfache Gelegenheit, in produktive Berufe überzugehen. Es gab nämlich nur wenige Bezirke und Industrien, die überhaupt für Arbeiter aufnahmefähig waren, so landwirtschaftliche, und besonders im Jahre 19 IQ Bergbau und Fabriken in Rheinland-Westfalen; daher gingen viele ostjüdische ungelernte Arbeiter, die sonst keine Möglichkeit zur-Arbeitsaufnahme hatten, in diese Berufe über. Daneben fand eine Arbeitsvermittlung in Berufen statt, die von jeher von Juden ausgeübt wurden, wie Schneiderei, Schusterei, Schäftemacherei usw. Es sind in den letzten drei Jähren erhebliche Mengen von ostjüdischen Arbeitern durch die deutsche Wirtschaft hindurchgegangen. Die Zahlen sind verhältnismäßig groß, weil eine ständige Abwanderung immer wieder stattfand, und zwar nach Amerika, West-Europa, Frankreich und Palästina. Allerdings hat die Zuwanderung ihren Charakter ständig geändert, je nach den Schwankungen der politischen Lage; sie hat heute aus Polen gänzlich aufgehört, während aus Ungarn und Tschechen eine Auswanderung noch statt hat. Deutschland ist sicherlich kein Idealland der jüdischen Arbeiter, und ist auch von jeher von den jüdischen Arbeitern nur als Durchgangsland an- *) Der Aufsatz war ursprünglich gleichfalls für den externen J.St. bestimmt. Die Red.