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Der jüdische Student · 1921-06-01 · Heft 4 (Juni 1921) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
18 (1921)
Issue
Heft 4 (Juni 1921)
Date
1921-06-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Zionismus^und Sozialismus 149 Zum Beweis dieser Behauptung mögen hier nur zwei Stellen zweier Sozialisten dienen,, die sieh intensiv mit der nationalen Frage beschäftigt haben. Engelbert Pernersforfer schrieb*): „Nicht dahin wollen wir bloß arbeiten, daß die Menschen menschenwürdig wohnen, sich nähren, sich kleiden, sondern daß sie durch Anteilnahme an der seit tausend Jahren aufgestapelten Kultur erst überhaupt Menschen werden, fähig, selbst Kultur zu haben und Kultur, zu erzeugen. "Jede Kultur aber ist national. Sie nimmt ihren Anfang im besonderen Volke und bietet in ihren höchsten Formen — und gerade in diesen am meisten — einen entschiedenen Nationalcharakter dar, .. Der Sozialismuff und der nationale Gedanke sind also nicht nur keine Widersprüche, sie gehören notwendig zusammen." Und Jean Jaures schreibt (in „Vaterland und Proletariat"): „So kann nur durch den freien Bund autonomer Nationen die menschliche Einheit verwirklicht werden. Aber das ist dann nicht die Abschaffung der Vaterländer**), sondern ihre Veredlung. Sie werden zu den Höhen der Menschheit erhoben, ohne von ihrer Unabhängigkeit, ihrer Freiheit und ihrer besonderen Art etwas zu verlieren." Der moderne Sozialismus ist keineswegs ein Gegner des National>"?- mus. Er kämpft nur gegen den Chauvinismus. Er ist national, aber antinationalistiseh. Er kämpft gegen die Unterdrückung eines Volkes durch ein anderes und gegen jenes nationalistische Überlegenheitsgefühl, das im Grunde nichts als ein Zeichen knechtischen und unfreien Geistes ist. In diesem Kampf allerdings kennt er keinen Pardon. Der Chauvinist ist ein Feind, den er befehdet, wo er ihn tr^. Wahrer Nationalismus aber ist sein natürlichster, bester und stärkster Verbündeter. Wäre diese einfache Wahrheit früher erkannt, es stände heute mancherorts besser um die Sache des Sozialismus t III. Wenn wir sagten, daß die überwältigende Mehrheit der Sozialisten die Notwendigkeit der Fortexistenz der Völker in der künftigen sozialistischen Gesellschaftsordnung erkannt habe, so bedarf diese Behauptung allerdings einer Einschränkung. Es gibt eine Gruppe, auf die dieser Satz nicht zutrifft. Das ist die Schicht der jüdischen Sozialisten. Nur eine verhältnismäßig geringe Zahl von ihnen hat sich, die Frage mit der gleichen Unvoreingenommenheit wie die nicht-jüdischen Genossen prüfend, vom kosmopolitischen zum internationalen Sozialismus durchgerungen. Und nur ein Teil von innere wiederum ist bereit, neben dem deutschen, englischen, serbischen usw. Volke auch dem jüdischen Volk eine- Existenzberechtigung zuzuerkennen. Der jüdische Sozialist in Westeuropa ist nicht, wie im Osten heute die Regel, Proletarier, sondern entstammt der Schicht der „Geistigen". Er entstammt in gerader Linie dem Bürgertum und ist von Natur aus mit allen Vorurteilen dieser merkwürdigen Menschenschi cht behaftet. Vorurteile und Aberglauben werden uns immer durch das Milieu, durch die Menschen, unter denen wir leben, aufgezwungen und es bedarf des Anstoßes zu selbsttätiger Gedankenarbeit, um uns von ihnen zu befreien. Auf sozialem Gebiet haben die Umwälzungen der jüngsten Geschichtsperiode vielen diesen Anstoß vermittelt. In der Frage ihrer jüdischen Problematik sind viele der jüdischen Intellektuellen zu eigenem ursprünglichem Denken noch nicht fortgeschritten, sondern haben sich von den überkommenen „Wortgespinsten und abgelebten Redekünsten" der jüdischen Bourgeoisie einfangen lassen.J Deren Ideologie, wenn man überhaupt so sagen kann, entstammt der Sphäre des imperialistischen Nationalstaates. In der Absicht, Nation und Staat zu identifizieren, verlangte dieser die Angleichung der nationalen Minoritäten innerhalb seines Machtbereichs an die Staatsnation. Der Nationalstaat ist an* diesem *) In den „Sozialistischen -Monatsheften". 1905, II. **) Für Jaures als Sohn des politisch und national so * inzigartig geeinten und zentralisierten französischen Volks fallen die Begriffe „Volk" und „Vaterland" naturgemäß zusammen.

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