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Der jüdische Student · 1921-06-01 · Heft 4 (Juni 1921) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
18 (1921)
Issue
Heft 4 (Juni 1921)
Date
1921-06-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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148 Zionismus, und Sozialismus Und in der Tat, betrachten wir aufmerksam die Schriften aller großen sozialistischen Denker, so finden wir überall eine starke Verbundenheit mit dem Volksleben. Es ist dies eine keineswegs merkwürdige Erscheinung, ihr Gegenteil wäre eher wunderbar zu nennen. Denn es gibt ja kaum eine andere Bewegung, die so unmittelbar, mit gleichsam elementarer Wucht aus dem Leben und Willen der Volksmassen herausgewachsen ist, wie der Sozialismus. „Niemals ist die' Arbeiterklasse ,unnational' gewesen, und, sie kann es nie sein; als unterste und breiteste Klasse des Volkes b< kennt sie sich nur zu sich selbst, wenn sie sich zum VoHe bekennt"*), Nationalismus — immer im Sinne unserer Ausführungen (Kulturnationalismus, wenn man so will) — Tn den "Schriften?'von "Männern zu linden, die etwa wie Peter Kropotkin von den Naroclniki, den russischen V o l k s - Sozialisten herkommen und die die Not gerade 'des eigenen Volkes zum Sozialismus trieb, das ist mehr als selbstverständlich. Aber auch bei allen bedeutenden Sozialisten, zumal denen, die auch große Menschen waren, wird man immer wieder starke Bindungen zur Kultur ihres Volkes finden. Man lese einmal, wie etwa Karl Liebknecht zu seinem Sohne über die deutsehen Klassiker spricht! Sie alle fühlten sich als Exponenten einer harmonischen, in sich geschlossenen, einheitlichen Kultur, und.gerade je mehr sie mit ihr verwachsen waren, um so weniger konnten sie auf den Gedanken kommen, daß nicht nur die Grenzen der Staaten, sondern auch die Eigenart der Völker vernichtet werden müßten. Aber neben dieser gefühlsmäßigen besteht auch eine gedankliche Bindung des Sozialismus an den Nationalismus. Der Sozialist erstrebt zunächst nicht mehr als eine Änderung der Wirtschafts Verhältnisse. Freilieh leitet er die Berechtigung für sein Streben aus der Gewißheit her, damit dem kulturellen Fortschritt der Menschheit zu dienen.. Er will die Menschheit aus ihrem heufigen Zustande der KulturIosigkeit in einen höheren Zustand der Kultur "überführen. Während heute die, kulturelle Entwicklung jedes Einzelnen durch unsägliche Leiden vieler Tausentier erkauft werden muß, will der Sozialist die Kultur zum Allgemeingut des gesamten Volkes machen. Wenn dann Kultur nicht mehr- Spiel und Vorrecht reicher Faulenzer, sondern unverlierbares Gut jedes Schaffenden ist, wird eine neue Blüteperiode kultureller Entwicklung beginnen. Für den Sozialisten, der den Kulturfortschritt der Menschheit als Ziel hat, ist die Frage „Kosmopolitismus oder Internationalismus", Artvernichtung oder Arterhaltung, nichts als eine Frage der Taktik. Er hat nur zu untersuchen, auf welche Weise er der Kultur der Menschheit besser dient. Die Erkenntnis, daß die kulturelle Entwicklung nur durch lebensfähige Völker verbürgt ist, hat bewirkt, daß der Sozialismus fast überall sich gegen den A n t i nationalismus und für den I n t e r - nationalismus erklärt hat. Der Sozialismus trat als erster für die freie Selbstbestimmung der unterdrückten kleinen Völker ein, und „Internationale", nicht „Antinationale" hieß seine Organisation. Nur die jüngsten Gruppen, die noch nicht mit mehreren Völkern rechnen lernten, verharren noch in der Verwechslung von Chauvinismus und Nationalismus und stehen noch auf der primitiveren Stufe des Antinationalismus, Es ist interessant, bei ihnen die gleiche, notwendige Entwicklung zu beobachten, etwa wie der letzte Kongreß der III. Internationale, der sich zum ersten Male mit diesen Fragen eingehend beschäftigte* sofort mit einem gewaltigen Sprung in den „Thesen zur nationalen und kolonialen Frage" des Genossen Lenin den kosmopolitischen Standpunkt fast restlos aufgab und einen, wenn auch noch etwas unklaren Standpunkt des Internationalismus annahm. Wahrheiten setzen sich nur allmählich in den Köpfen der Menschen durch, aber es erscheint zweifelsfrei, daß endlich der naive kosmopolitische Sozialismus von dem klar durchdachten internationalen Sozialismus überall verdrängt wird. Immer wehr wird von den führenden Geistern des Sozialismus erkannt, daß nur in der Verbindung beider das Heil der Menschheit ruhen kann. *) Renner: Marxismus, Krieg und Internationale. II. Aufl. Stuttgart H 18. pag. 160.

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