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Der jüdische Student · 1921-06-01 · Heft 4 (Juni 1921) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
18 (1921)
Issue
Heft 4 (Juni 1921)
Date
1921-06-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Zionismus und Sozialismus 147 nationale Schöpferkraft des jüdischen Volkes wäre die Bibel nie für die gesamte Menschheit das geworden, was sie ist. Aus dieser Erkenntnis, daß nur das Dasein verschiedenartiger Völker die reiche Fülle der menschlichen Kultur ermöglichte und schuf, lehnt der Nationalist alle Bestrebungen ab, die auf eine Verschmelzung der Völker und damit auf die Vernichtung ihrer Eigenart hinzielen. Er will die Eigenart eines jeden Volkes unangetastet sich entwickeln lassen. Sein Ziel ist nicht ein aligemeiner, kulturloser Menschheitsbrei, nicht der Kosmopolitismus, sondern ein wahrhafter Bund freier, ihrer Eigenart bewußter und in gegenseitiger Unterstützung und Ergänzung miteinander nach Kultur riagender Völker. *' Darum ist die natürliche Ergänzung des „Nationalismus" der „Internationalismus". Der allmenschlichen Kulturentwicklung zu dienen, ist die Aufgabe der Nationen. Sie, die organisch aus Familie und Sippe entstandenen Lebensgemeinschaften, sind die natürlichen Organisationen, die die schwachen Einzelnen zusammenschließen, ihre Kräfte summieren und potenzieren, so daß aus dem gleichgearteten, gleichgerichteten Handeln harmonische Schöpfungen des Menschentums entstehen. Durch der Völker gemeinsame Anstrengungen, durch gegenseitige Beeinflussung und Befruchtung wächst allmählich das Gebäude, in dem die Menschheit - zusammenträgt, was sie gefunden und geschaffen an Heiligem und Wahrem, an Gutem und Schönem, wächst allmählich der Tempel menschlicher Kultur. Wahrer Nationalismus schließt also in sich die Erkenntnis der Verschiedenartigkeit und Gleichwertigkeit der Völker. Im Gegensatz hierzu erkennt der Chauvinist die Gleichwertigkeit nicht an. „Chauvinismus" ist das genaue Gegenteil des „Nationalismus". Sein Ziel ist nicht der Bund der Völker, sondern die Herrschaft eines Volkes über alle andern. Er will nicht die allmenschliche Kultur fördern, sondern allen Völkern seines Volkes das Gesetz des Lebens und der Entwicklung auf7wingen. Er fordert die Vernichtung aller fremdartigen und eigenartigen Kultur und glaubt, wie der Kosmopolitismus, aller Menschen Ringen in nur eine Richtung drängen, in nur eine Form pressen zu können. Das Ziel des Chauvinismus ist (wie das des Kosmopolitismus), die Zertrümmerung aller nationalen Lebensformen der Menschen zu einem Chaos, in dem jedoch (dies ist der Gegensatz zum Kosmopolitismus) des eigenen Volkes Wesen vergewaltigend herrscht. Ebensowenig wie ihre Ziele sind Nationalismus und Chauvinismus miteinander zu vereinigen. Sozialismus ist das volkswirtschaftliche System, welches das wirtschaftliche Leben unter» Ersetzung des Privateigentums durch das Gemeineigentum einer gemeinsamen und planmäßigen Regelung unterwerfen will. Der Sozialismus ist nichts anderes, als Volkswirtschaft im eigentlichen Sinne des Wortes, planmäßige Wirtschaft durch und für die Gesamtheit des Volkes. Unter dieser Definition begreifen wir alle sozialistischen Richtungen, sowohl alle sozialdemokratischen — worunter wir difjVni^n zusammenfassen, die durch das Mi'tel des Klassenkampfes ein zentralistisches sozialistisches Gemeinwesen errichten wollen, wie auch alle Richtungen des freiheitlichen Sozialismus — die durch das Mittel der direkten Aktion (sozialistischer Aufbau) ein dezentralistisch sozialistisches Gemeinwesen erstreben. Das rein logische Verhältnis von Nationalismus und Sozialismus ist also, daß Nationalismus etwas über die äußere Existenzform der Völker aussagt — nämlich, daß sie erhalten bleiben sollen, Sozialismus etwas über die innere Existenzform — nämlich (um es ganz allgemein auszudrücken) die Forderung, solche Formen des gesellschaftlichen Lebens aufzubauen, die die heute innerhalb jeder Nation vorhandene wirtschaftliche und kulturelle Klassenscheidung aufhebt. Nationalismus kann also rein logisch zunächst keinerlei Gegensatz zum Sozialismus bedeuten; dies gilt,um es nochmals zu betonen, da wir mit ganz allgemeingültigen Prinzipien operiert haben, für dessen sämtliche Variationen.

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