Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus und Sozialismus 14S logische, aber auch professionelle Bedeutung der Jugend), sowie der geistigen und körperlichen Anlagen, die er bei seiner Geburt in entwicklungsfähigen Keimen mitbringt" — so* gilt dies, wortwörtlich übertragen nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für die Völker. Auch ihre Individualität wird geformt durch die Erlebnisse^ die sie selber durchmachen (Milieu) und. die, die frühere Generationen durchgemacht und ihnen vererbt haben (Anlagen), genau wie die des Einzelmenschen. Und dies ist ja nicht gerade erstaunlich, wenn man bedenkt, daß sich der Einzelmensch zum Volk verhält wie die einzelne Zelle eines Tier- oder Pflanzenkörpers zum Gesamtorganismus. Auch ein V o 1 k ist ein 0 r g a ni s mu s^ eine organische Einheit, nicht eine mechanische. Ein Volk gehört in die gleiche Kategorie von Erscheinungen wie die Pflanze, das Tier, der Bienenschwarm, der Ameisenstock, welche Kategorie wir, wenn wir Tönnies' Terminologie*) übernehmen wollen, der ja das Tiefste und Grundlegendste darüber gesagt hat, als die Kategorie der Gemeinschaft bezeichnen können. Ja, solange es noch keine gemeinsame Organisation (d.i. buchstäblich organische Zusammenfassung) der Menschheit gibt, müssen wir das Volk als die höchste Erscheinungsform des organischen Lebens, der Gemeinschaft, auffassen. Ihm steht dann als höchste Form mechanischen Zusammenschlusses, der Gesellschaft, der Staat gegenüber, natürlich nicht der Staat in seiner heutigen Gestalt, als Mittel der Herrschaft einer Volksschicht über die andere, sondern der Staat schlechthin, als das zukünftige Gemeinwesen nicht nur scheinbar gleichberechtigter, sondern auch in der Wirklichkeit gleicher Bürger. Wie jeder Organismus bei seiner Geburt, bringt auch jedes Volk im Augenbliok seiner Entstehung — meist durch die Vermählung und Verschmelzung niederer Einheiten (Stämme, Horden, Sippen, Clans usw.) — bestimmte Anlagen mit. Auch diese niederen Einheiten sind ja soziale Organismen, wenn auch niederer Ordnung als das Volk, so sind sie doch schon sehr hohe Punkte auf der Entwicklungslinie, und auch in ihnen hat sich schon eine lange Kette von Entwicklungsphasen in ganz bestimmten, immer wieder von Generation auf Generation vererbten Anlagen verewigt**). Diese bei der Entstehung des Volkes als Erbgut mitgebrachten Anlagen stellen die eine Komponente des Nationalcharakters dar. Gleichzeitig den Grundstock, die Basis, von der aus er sich entwickelt. Denn der Nationalcharakter ist nichts Beständiges, sondern entwicklungsfähig. Die Geschichte — als das Milieu des Volkslebens — wirkt auf ihn ein, und von Generation zu Generation findet eine allmähliche und erst in wei-en Zeiträumen beme kba^e und feststellbare Modifikation statt. Wie die Kinder den Eltern ähneln, aber nicht gleichen, so offenbaren die Generationen die ursprünglichen Anlagen des Volkes in immer neuen, um ein Geringes veränderten Formen. Wirtschaftliche und" kulturelle Einflüsse sind es vor allem, die, in unlösbarer Wechselwirkung, den Nationaleharakter gestalten,Wirtschaftsgeschichte und Kulturgeschichte sind es, die, ihn selbst innerhalb der Grenzen seiner Anlagen ändernd, sieh als zweite Komponente im Nationalcharakter niederschlagen. *) „Die Verbindung (der Menschen) wird entweder als reales und organisches Leben begriffen — dies ist das .Wesen der Gemeinschaft, oder als ideelle und mechanische Bildung — dies ist der Begriff der Gesellschaft." Ferdinand Tönnies r Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. III. Aufl., Berlin 1920 pag. 3. .. **) Als Beispiel dafür, wie solche Anlagen sich bilden können, vgl. Darwin,_ Abstammung des Menschen, Kap. 5: „Wenn zwei im selben Gebiet lebende Stämme von Urmenschen in Wettbewerb traten, von denen der eine bei sonst gleichen Verhältnissen eine große Zahl mutiger, einander ergebener und treuer Mitglieder umfaßte, die in Not und Gefahr stets bereit waren, einander zu warnen, zu helfen und zu verteidigen, so ging schließlich dieser Stamm als Sieger aus dem Wettstreit; heryor ..... . Ein Stamm,, der die obengenannten Anlagen in reichem Maße besitzt, wird sich ausbreiten und über alle anderen den Sieg davon tragen; im Laufe der Zeit aber wird auch er von einem anderen, noch höher entwickelten Volk tiberwunden werden . .. So nach Darwin die Entwicklung sozialer Tendenzen (Solidarität, gegenseitige Hilfe).