Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Zionismus und Sozialismus Zionismus und Sozialismus ~ Von Rudolf Samuel,.Göttingen , Der Artikel des Bundesbruders^ Samuel war ursprünglich für den externen J. St." bestimmt, der -alsdann wegen mangelnder Mitarbeit der Bundesbriider" nicht erscheinen konnte. Da die Vertrautheit mit dem von Bbr. Samuel -behandelten Problem im # Interesse der Werbearbeit dringend erwünscht ist, bringen wir Samuels Ausführungen im internen J. St. zum Abdruck. Die Redaktion. 1. " t ' '; Wird ein Mensch einer bestimmten Art in eine andersartige Umgebung versetzt, so beginnt er, sich seiner Eigenart bewußt zu werden. Ein Deutscher in Holland, ein Engländer in Spanien, mag er auch noch so sehr als Standesgenosse, Berufsgenosse, Gesinnungsgenosse mit einigen, oder vielen Menschen dieses fremden Volkes verbunden sein, erkennt plötzlieh neben allem Gemeinsamen auch alles Verschiedenartige und damit, daß er zu einer anderen Gruppe von Menschen, zu einer anderen menschlichen Gemeinschaft gehört. Wenn wir. uns aber auf Grund dieser Erfahrungstatsachen fragen, was die nationalen Gemeinschaften zusammenhält und was sie von einander trennt, so können wir zunächst keine- Antwort geben. „Die Nationen sind", bemerkt treffend ein älterer Forscher,, „eine jener vielen Erscheinungen, von denen wir wissen, was sie sind, solange wir nicht gefragt werden, die wir aber nicht kürz und bündig erklären können." Alle Definitionen, die sich der ersten primitiven Betrachtung anbieten, versagen. Gemeinsame Abstammung kann nicht das entscheidende Kriterium sein, denn alle europäischen Völker sind z.B. aus Rassenmischungen hervorgegangen. Gleiche Sprache? Aber Engländer, Iren und allfe Bindestrich-Amerikaner mit Einschluß der Neger der Vereinigten Staaten erklären Englisch für ihre Muttersprache. Gemeinsames Territorium? Dies kann wohl das spezi ische Unterscheidungsmerkmal der Staatsverbände, nie aber das der Völker sein. Wenn wir also zunächst ganz allgemein alle überindividuellen, den Menschen gleicher Nationalität im Mittel gemeinsamen, körperlichen und geistigen Merkmale in ihrer Gesamtheit als National Charakter definieren,^ so müssen wir damit zugeben, daß die Wissenschaft gegenüber der genaueren und exakteren Bestimmung des Nationalcharakters der einzelnen Völker bisher versagt. Exakte Forschung kann erst dort beginnen, wo sie imstande ist, ihre Objekte zu messen, den jeweiligen Erscheinungsformen Maß - zahlen zuzuordnen. Die der Wägung eben nicht standhaltenden Imponderabilien, um die es hier geht, konnten bisher so nicht-erfaßt werden. Die wissenschaftlichen Disziplinen, in deren Bereich sie gehören, sind noch nicht weit genug gediehen. Aber gleich wie schon vor Jahrtausenden der Ablauf des natürlichen Geschehens sich nach den Gesetzen regelte, die wir heute erst allmählich zu erkennen beginnen und diese doch nicht erst dann Geltung erlangen, wenn sie uns bewußt werden, so sind die Völker in ihrer Verschiedenartigkeit vorhanden, erkennen wir gewisse Gesetzmäßigkeiten in Aufbau und Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft, wenn sie auch nur in der ersten und allgemeinsten Annäherung richtig sein mögen. Zwei Faktoren sind es, die wir im National Charakter der Völker als wirkende und gestaltende wahrzunehmen vermögen. Wenn Robert Michels in dem Aufsatz „Wirtschaft und Rasse"*) sagt: „Der Mensch ist die Resultante einmal der Umgebung, in der er sein Leben, zugebracht hat und der Lebensbedingungen, in denen er sich befindet, kurz, des Milieus (Ambiente), dessen Einwirkung sich vielleicht nach mit wachsendem Alter abnehmender Gradstärke geltend macht (daher die psycho- *) Grundriß der Sözialökonomik. Teil II, pag. 97. Tübingen 1914.