Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 2 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537763--5175-3543287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom Berufs-Ressort 61 315 am Ende des Jahres das Versetzungszeugnis, 40% der Schüler waren auswärtige. Die Schule ist im wesentlichen als nationales humanistisches Gymnasium gegründet worden. In unserer Ankündigung, die wir dem litauischen Kultusministerium sandten, betonten wir, daß das Ziel dieser Schule sei, ihren Schülern eine allgemeine humanistische Bildung zu geben, mit besonderer Berücksichtigung der hebräischen kulturellen Grundlagen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, der der althebräischen Literatur und Kultur ein weites Feld einräumt, wurde von den in die Vorschulklasse Aufzunehmenden eine genügende Vorkenntnis der 5 Bücher Moses verlangt, damit die Möglichkeit bestände, noch auf dieser Klasse mit dem Unterricht der ersten Propheten zu beginnen. Der Unterricht von Mischna und Talmud wurde in den Stundenplan von der dritten Klasse an aufgenommen. Dies geschah nicht nur wegen der großen Wichtigkeit des Vokabelschatzes und talmudischen Stiles, hinsichtlich der Kenntnis der modernen Sprache, sondern weil vor 'allem klar war, daß jeder Humanismus, der auf hebräischen Grundlagen aufgebaut ist, unmöglich diese Materie übergehen kann. Weiter war über allem Zweifel erhaben, daß in einer nationalen Schule der jüdische Geschichtsunterricht nicht fehlen kann (neben der allgemeinen Geschichte) als besonderes Fach. In dieser Hinsicht konnte das Programm des Gymnasiums in Jaffa nicht als Vorbild dienen. Im allgemeinen wurde das Gymnasium dem Charakter eines russischen klassischen Gymnasiums vor dem Kriege angepaßt. Auf folgende Punkte muß noch hingewiesen werden. Erstens Latein. Da das Hebräische Gymnasium zu seinen, humanistischen Zielen vor allem mit Hilfe der hebräischen Kultur gelangt, so ergibt sich daraus die Möglichkeit, den lateinischen Unterricht bis zu einem gewissen Maße einzustellen. Im Durchschnitt wurden dem Lateinischen vier Wochenstunden gewidmet. Nebenbei verdient bemerkt zu werden, daß wir nach einer Anordnung des litauischen Kultusministeriums gezwungen wurden, den Unterricht des Lateinischen als fakultativ zu erklären*). Zweitens m o - derne Sprachen. In der Erlernung der modernen Sprachen mußte ein Höchstmaß von Anforderungen an die Schüler gestellt werden, trotzdem wir uns der Gefahr bewußt waren, die der normalen Entwicklung eines 15 jährigen Menschen droht, dessen Gedächtnis mit fünf oder sechs Sprachen belastet werden muß. Auf Litauisch als Landessprache konnte in keinem Falle verzichtet werden. Ebenso mußte Deutsch und Russisch in den Unterrichtsplan aufgenommen werden. Die Leitung kam auf Grund einer Umfrage bei den Eltern zu der Überzeugung, daß die Kenntnis beider Sprachen gleichzeitig sehr erwünscht sei, denn es ist ziemlich sicher, daß ein größerer Teil unserer Abiturienten ihre Ausbildung auf russischen oder deutschen Universitäten fortsetzen werden. Französisch wurde in der 5.Klasse als fakultativer Unterricht eingeführt. Der Umstand, daß Russisch und Deutsch bei den Schülern nicht als fremde Sprachen bezeichnet werden können, war eher eine Erschwerung als eine Erleichterung. Denn der große Unterschied in den Kenntnissen der einzelnen Schüler erschwerte es den Lehrern, bei dem Unterricht der Sprachen das richtige Maß zu finden, um einen befriedigenden Fortschritt bei den Schülern zu erzielen. Endlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß di§ meisten unserer Schüler auch mit der hebräischen Sprache nicht unmittelbar verbunden waren, und solange die Unterrichtssprache nicht die eigenste Sprache des Schülers sein wird, kann man nur auf Teilerfolge rechnen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß nach dem ersten Jahre 20% der Schüler nicht in die nächsten Klassen versetzt werden konnten. Im zweiten Unterrichtsjahre konnten nach den Erfahrungen des ersten Jahres bedeutend bessere Erfolge erzielt werden. Die Leitung hatte die Möglichkeit, die zu Griechisch wird überhaupt nicht unterrichtet, was für ein htupanisti sches Gymnasium, gerade auch vom Standpunkt eines hebräischen Humanismus (Hellenismus) als ganz falsch erscheint. F. L.