Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 2 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Die Berufsvorbereitung'der Juristen Und doch ist die durch Konventsbesehiuß getroffene Feststellung nicht nur an sich töricht, sondern sie zeugt auch von einer Verkennung des juristischen Studiums nicht weniger als einer solchen der Notr wendigkeiten in Erez-Israel und vor allem einer Verkennüng des Wesens unserer Bewegung. Jeder Außenstehende würde mit Recht erstaunt sein, wenn er hören würde, daß in einer politischen Bewegung man sich die Köpfe darüber zerbricht, wie in der dieser Bewegung angehörenden Akademikerschaft der Beruf des Juristen möglichst ausgeschaltet werden könnte; gewöhnlich pflegt man in politischen Bewegungen entgegengesetzt zu denken und zu handeln. Aber freilich is£ gerade an dieser Stelle beachtlich, daß man dem Zionismus gerade in jüngster Zeit häufig das Wesen einer politischen Bewegung abzusprechen sucht. Man erinnere sich etwa des Satzes, den wir seit San Remo häufig hören: „Das Ende des politischen Zionismus ist gekommen; jetzt beginnt der wirtschaftliche Aufbau unseres Landes", man denke an die Betrachtungsweise, die etwa Kaplun-Kogan uns neulich nahezulegen suchte, indem er die zionistische Aufgabe fast ausschließlich als wirtschaftliches Problem darzustellen suchte; man denke an das mangelnde Verständnis unserer Jugend für parteipolitische Organisation und vergleiche damit das uns vorschwebende Idealbild eines jüdischen Staatswesens — und es dürfte kaum zweifelhaft sein, daß wir heute mehr als je notwendig haben, daß es Leute gibt, die uns an das Wesen unserer Bewegung als einer politischen mahnen können. Es ist die Eigenart der juristischen Betrachtungsweise, daß sie zum Gegenstand ihrer Betrachtung wohl — genau so wie die Philosophie z. T. — das praktische Leben hat, aus diesem aber eine Abstraktion gewinnt, die sißfi zum Leben selbst wie das formierte Sollen zum wirklichen Sein verhält; das Kriterium für beide ist das Mögliche. Die Jurisprudenz schafft keine Idealbilder, sondern setzt wohl Ziele, aber nur solche, die Beziehung zur Gegenwart haben. Nichts kann uns bei unserer heute schon vielfach verworrenen Ideologie heilsamer sein, als eine derartige Betrachtungsweise. Ein kleines Beispiel: in der Jüdischen Rundschau schreibt neulich R. W. in irgendeinem Leitartikel etwas von der „zionistischen Organisation als der Mandatsträgerin des jüdischen Volkes, die mit den Mächten Verträge abschließt" usw. Jeder völkerrechtlich nur etwas vorgebildete Jurist weiß sofort, daß dies barer Unsinn ist, weil eben nur Staaten als Völkerrechtssubjekte Verträge schließen können; was hier gesagt ist, ist also juristisch falsch und mithin, da ja das juristische Ergebnis nur eine Abstraktion ist, tatsächlich unmöglich. Nichts aber kann wesentlicher sein, als daß wir nicht von Unmöglichkeiten als von tatsächlich Erreichtem sprechen, wenn wir unsere Bewegung nicht diskreditieren wollen. Dieselbe abstrahierende Betrachtungsweise hat aber noch ein anderes wesentliches Ergebnis: sie wirkt durch die Normierung des .Möglichen auch aufbauend. Es sei hier z.B. daran erinnert, daß Georg Jellineck alle diejenigen, die die Existenz eines Völkerrechts leugnen, einfach damit abtut, daß er ihnen Verkennung gerade dieses aufbauenden Charakters der Rechtswissenschaft vorwirft. Und auch aus diesem Grunde ist es notwendig, daß wir gerade um Palästinas willen Menschen haben, die in diesen Bahnen zu denken gewohnt sind: sei es, daß es sich überhaupt um den staatsrechtlichen Aufbau des Landes handelt, sei es, daß es um die innere Organisation und die Schaffung eines jüdischen Zivilrechts geht: hören wir doch selbst in jüngster Zeit, daß die Friedensgerichte in Erez-Israel Juristen zur Mitarbeit heranziehen; ünd das wird jedem verständlieh erscheinen, der weiß, daß das moderne Leben. derartig kompliziert ist, daß im einzelnen Fall , nur der $e richtige Rechtsanwendung wird geben, können, der im allgemeinen ber reits gewohnt ist, dieselbe aus einer abstrahierenden Denkungsweise zu finden.