Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537762--5127-3543238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IS Berufe tendiert. Die Erfahrungen, die insbesondere Walter Moses bei der Berufsberatung gemacht hat, zeigen dies evident. Ein sehr großer Teil der anwesenden Bundesbrüder wird zugeben, daß er sieh für seinen Berul ohne zwingende innere Gründe entschieden hat Wir wissen ja, von wieviel Äußerlichkeiten in Wirklichkeit die Berufswahl abhängt Auch bisher und in nichtzionistischen Kreisen, wo also nationale Momente für die Berufswahl nicht maßgebend waren, erfolgte in zahlreichen Fällen die Berufswahl nicht nach dem Gesichtspunkt der persönlichen Veranlagung. Natürlich wird es Sache einer guten Berufsberatung sein, zunächst die Selbsterkenntnis zu fördern. Es ist in vielen Fällen möglich, Menschen klar zu machen, zu welchem Beruf ihre Veranlagung sie bestimmt, auch, wenn - sie selbst sich dessen noch -nicht bewußt sind. Ich denke, daß ich nach dem Vorstehenden vor dem Vorwurf geschützt bin, gewaltsam Menschen zu einer Berufswahl veranlassen zu wollen, die ihren Fähigkeiten nicht liegt Was aber die unumstößliche Grundlage der erzieherischen Arbeit des Kartells sein muß, ist, in jedem Bundesbruder 'die Erkenntnis wachzuhalten, daß er verpflichtet ist, seine Fähigkeiten und Neigungen in den Dienst der Sache des jüdischen Volkes zu stellen. Ich sprecheo hier absichtlich noch nicht von Palästina oder Galuth, sondern gerade allgemein vom Volksinteresse. Wir wollen niemanden zwingen, in einem anderen Beruf tätig zu sein als in dem, zu dem ihn seine Fähigkeiten und seine Interessen führen, aber wir verlangen von ihm, daß er diese Fähigkeiten und Interessen unserer großen Sache widmet. Das jüdische Volk wird in Palästina weder Stümper, noch Durchschnittskönner verwenden können, es braucht an allen Stellen und in allen Berufen Menschen, die wirklich Meister in ihrem Fache geworden sind. Palästina wird jedenfalls die höchsten und größten Anforderungen stellen, deshalb wird derjenige, der es in seinem Berufe zu der Meisterschaft gebracht hat; die ihm sogar ein Leben in Palästina gestatten würde, ganz gewiß auch geeignet sein, einen Posten im Galuth zu bekleiden. Darum wird keine Existenz dadurch untergraben, wenn jemand .sich in seinem Fache ausbildet in ständigem Hinblick auf Palästina: wer für .Palästina tauglich ist, der ist es auch für das Galuth. Natürlich wird für diejenigen, von denen wir oben sprachen, die keine ausgeprägten Berufsneigungen mitbringen, die Berufswahl in noch höherem Maße von rein nationalen Gesichtspunkten bestimmt werden können als bei denjenigen, die ihre Fähigkeiten sofort in eine bestimmte Richtung weisen. Der Zwiespalt zwischen Beruf und Leben, von dem ich oben sprach, zeigt sich ja mit besonderer Stärke in der Tatsache, daß in der kapitalistischen Wirtschaft Europas alle Berufe durchaus von dem Gesichtspunkt aus bekleidet werden, wie durch sie möglichst großer materieller Gewinn und möglichst hohe soziale Stellung erreicht werden kann. Es führt natürlich zu einer schrecklichen, seelischen Situation, wenn jemand das zionistische Ideal, unsere ganze Kraft der Sache des jüdischen Volkes zu widmen, im Herzen trägt und gleichzeitig im deutschen Wirtschaftsleben am Tanz um das goldene Kalb sich beteiligen muß. So ergibt sich die Forderung, unsere Bundesbrüder, unbeschadet ihrer persönlichen Stellung zum Sozialismus zu der Erkenntnis zu erziehen, daß sie nicht berechtigt s i n d , aus ihrem dem Dienste des jüdischen Volkes geweihten Beruf mehr Gewinn zu ziehen, als ein anspruchsloser Lebenswandel fordert, und im übrigen jeden etwaigen höheren Gewinn der gemeinsamen Sache zuzuführen. Jede Berufsausübung ist Beamtentätigkeit im 'Dienst des Volkes. Die Erziehung zu Anspruchslosigkeit und wahrhaft sozialer Gesinnung muß eine unserer wichtigsten Aufgaben sein. Diese f-'.jrder^ng erhebe "ich mit besonderem Nachdruck, weil gerade in letzter Zeit rr.ii