Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537762--5125-3543236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erziehung und Beruf. 13 problem zu stellen und sie an diejenige Stelle zu weisen, die seitens der Zionistischen Vereinigung für Deutschland für Zwecke .der Berufsberatung längst eingerichtet ist, nämlich an das von Walter Moses geleitete Arbeitsamt? Die Tatsache, daß nur ein verschwindend kleiner Teil der K. J. V.er sich mit ihren beruflichen Fragen an diese Stelle wendet, beweist zur Genüge, daß das Berufsproblem noch kaum begonnen hat* t>ei uns als brennend empfunden zu werden, dann aber ist alles Reden von Palästina mehr oder weniger Phrase. Über Berufsfragen ist auf den Kartelltagen wiederholt gesprochen worden. Auf zwei Kartelltagen hat Walter Moses eingehend über Berufefragen gesprochen. Aber die Referate sind verhallt, sie haben vielleicht auf 3en einen oder anderen Bundesbruder gewirkt; das Kartell und seine Verbindungen haben aus den Referaten nichts gelernt. Auf dem vorigen K.-T. sprach dann Erich Buchholz in seinem Erziehungsreferat auch über die Berufsfrage. Ich halte es für ungeheuer wertvollv <laß hier zum ersten Mal die Berufsfrage in dem richtigen Zusammenhang gestellt worden ist, als ein Prdblem, oder richtiger gesagt, als das Problem der Erziehung. Daß Erziehung und Unterricht keine identischen Begriffe sind, ist bei -uns allgemein anerkannt. Der Unterricht, d. h. die Übermittlung von Wissensstoff ist ein Element der Erziehung, aber nicht die ganze Erziehung. Das alte Kartell übte in gewissem Maße eine erzieherische Tätigkeit aus. Das allmähliche Schwinden der Formen, die Auflösung der engen Gemeinschaften hat dazu geführt, daß diese Art von Erziehung, wie sie Im alten Kartell üblich war, d. h. die Heranbildung von charaktervollen,, wahrhaft jüdischen Persönlichkeiten heute mehr und mehr zurücktritt, -und daß eigentlich nur der Unterricht geblieben ist, der mit Recht seine Anforderungen immer höher stellen muß. Wir erziehen unsere Bundesbrüder zu bestimmten Anschauungen und Gesinnungen. Diese Gesinnungen sollen sie nicht im tiefen Kämmerchen ihres Herzens verschließen,sondern sie sollen, sobald ihre Vorbildungszeit vollendet ist, ein Leben führen, das diesen Gesinnungen und Anschauungen entspricht Und hier tritt das Berufsproblem in seiner ganzen Deutlichkeit hervor. Wie ist es bisher im Kartell gewesen? Der im Beruf stehende Bundesbruder hatte gewissermaßen eine Werktagsseele und eine Sabbathseele. Sein Beruf verband ihn irgendwie mit dem deutschen Wirtschaftsleben. Er fühlte sich in zahlreichen Fällen in diesem Berufe höchst unwohl, aber die Gewohnheit kam dazu, und langsam geriet er ebenso in die Tretmühle des Alltags wie alle anderen. Sein Zionismus aber konnte nur in Feiertagsstunden hervortreten, da drängte er die Besten zur Betätigung, bei den meisten aber erdrückte wirtschaftliche Sorgen und Familie schließlich jede Möglichkeit zu zionistischer Tätigkeit. Niemand kann bestreiten, daß dieser Zwiespalt zwischen zionistischer Überzeugung und einem entweder gleichgültigen oder zum wenigsten mit unserem zionistischen Lebensideai rieht übereinstimmenden Beruf existiert. Aber nichts liegt mir ferner, als hieraus etwa einen Vorwurf gegen die Bundesbrü der herleiten zu wollen, die in diesem Zwiespalt be.angen, heute kei ie Möglichkeit mehr sehen, aus ihm zu einer ganzen, ungebrochenen Einheit von Beruf und Gesinnung zu gelangen. Nur das verlange ich von jedem Älteren, daß sie den vorhandenen Zwiespalt nicht leugnen und unsere Tendenz, den Jüngeren diesen Zwiespalt zu ersparen, gutheißen und .ordern. Keine Erziehung kann auf die Dauer Früchte tragen, wenn sie jemandem Anschauungen, Ideale und Gerinnungen übermittelt, denen der Erzogene nachher auf Szhritt und iritt widerspricht. Und noch ein weiteres: keine Erziehung kann auf d i e D a u e r Erfolge zeitigen, wenn sie von Menschen geleitet wird, deren Leben mit ihren Lehren im Widerspruch steht, ich nannte es vorhin Ünwahrhatiigkeit, da3 man im K. J. V. sieb