Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Die Entwicklung des K.J'.V.. und seine Aufgaben nahe, wie es niemand hätte ahnen können, meistens kann erst rückschauend gesagt werden, diese Arbeit war fördernd, jene hindernd, diese unbedingt nötig, jene überflüssig. Der einzelne kann immer \ nur das eine sagen: ich halte dieye Arbeit für notwendig und ich tue sie, damit handle ich anständig und hoffentlich auch objektiv richtig. ... Für jedes Volk kommen Augenblicke, die ausgenutzt oder übersehen wurden und zu Größe oder Erniedrigung führen. Wann aber solche Moment#kommen werden, das weiß niemand, und darum ist es Pflicht jedes einzelnen, durch seine Arbeit zubewirken, daßentscheidende Augenblicke ein Geschlecht finden, welches für die Aufgabe möglichst gut vorbereitet ist. Bei uns fehlt es noch überall an/ dem bewußten nationalen Willen, an der Verbindung der Voiksteile miteinander und ihrer Bekanntschaft untereinander (bei aller sozialen Abstufung, die ebenso notwendig ist). Sind die nötigen Voraussetzungen vorhanden, dann kommt eines Tages die äußere Situation, welene die Entscheidung bringt. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen für anscheinend ganz plötzlich erkennbar werdende Wendepunkt, für ausgenutzte und noch mehr für verpaßte Gelegenheiten..... Von Hoffnungslosigkeit kann keine Rede~ sein; wir arbeiten, aber wir wissen nicht, wann sich die Früchte zeigen und wie sie aussehen werden." Mit solchen Gedanken und Gefühlen kann man die stets notwendige Arbeit leisten, ohne sich von sogenannten Depressionen mutlos machen zu lassen. Und nun vergleiche man mit der Depression, in welcher sich unsere jungen Leute befunden haben und zum Teil noch befinden, die maßlose Überheblichkeit, die sie andererseits zeigen. Es ist nur der aktuelle Ausdruck einer immer vorhandenen Geistesverfassung, wenn heute die neue Parole ausgegeben wird: nur die aus der deutschen jüdischen Jugendbewegung stammenden Leute seien das Material, mit dem Palästina und das jüdische Volk aufgebaut werden kann. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es lächerlich, gerade bei diesen „Radikalen" die schlimmsten Auswüchse der Assimilation feststellen zu müssen und stramm preußische Auffassungen vorzufinden (man denke an die deutsche Politik im Osten mit dem Grundsatz, daß alles am Deutschtum genesen soll, und mit dem Erfolg, daß alles zerschlagen worden ist). So sehr der K. J. V.-er bei jeder, auch der kleinsten Arbeit, das Gefühl haben soll, daß die Arbeit gut gemacht werden muß, und daß von der Exaktheit der Ausführung vieles abhängt, so sehr muß sich jeder bewußt sein, daß er doch nur ein kleines Rädchen in einer komplizierten Maschine darstellt, und daß sich bei ihm nicht das Zentrum der Bewegung befindet Über die Mittel zur geistigen Erziehung werden Euch andere Referate unterrichten (soweit man die geistige von 'der menschlichen Erziehung überhaupt trennen kann). Über die unbedingt notwendigen Mittel der Formen, der Disziplin und der Geselligkeit habe ich vor der vorigen Erstchargiertentagung gesprochen*). Zu dem Betrieb in den Verbindungen will ich nur auf eins aufmerksam machen: wir haben erst in den letzten Tagen einen Bericht von einer Kartellverbindung erhalten, der ungefähr auf den Ton gestimmt ist: „die Mitglieder unserer Verbindung arbeiten in sämtlichen zionistischen Organisationen, die hier vorhanden sind. Ihre Arbeitskräfte werden dort unbedingt gebraucht, man kann auch sagen, * daß' außer den K. J. V.-ern andere Kräfte für diese Arbeit nicht vorhanden sind und daß die K.J. V.-er diese Arbeit recht gut machen. Allerdings ist es unter diesen Bedingungen nicht möglich, ein eigentliches Ver- *) Der Bericht ist im J. St. vom Dezember 1919, Seite 353 und folgende erschienen. Ich. habe nach den auf der diesjährigen Erstchargiertentagung gehaltenen Reden den Eindruck, daß dieser Bericht im vorigen Jahre zu früh gegeben worden ist, weil die Verbindungen damals sich noch nicht wieder zusammengefunden hatten. Ich glaube, daß die Tendenzen dieses Berichtes heilte einen besseren Resonanzboden finden würden, und daß die Aktiven 'vieles aus dem Bericht schöpfen können, wonach sie, wie die 'Erstchargiertentagung gezeigt hat, zum Teil vergeblich, suchen. Ich möchte daher die Aktiven bitten, im Zusammenhang mit dem hier vorliegenden' Referat auch den damaligen Bericht anzusehen.