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Der jüdische Student · 1920-12-01 · Heft 6 (Dezember 1920) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
17 (1920)
Issue
Heft 6 (Dezember 1920)
Date
1920-12-01
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
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Die Entwicklung des K.J.V. und seine Aufgaben 287 und Verantwortlichkeitsgefühl, zur Geltung bringen, und daß sie sich darüber klar werden — worüber in manchen Fraktionen die krasseste Unklarheit herrscht —, daß die Parteien sich nicht nach-guten und schlechten Charakteren scheiden. Das K. J. V.> kann m. E. zu den einzelnen Gruppen, die sich in der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gebildet haben, keine Stellung nehmen, aber es kann dafür sorgen, daß die K. J. V.-er, ganz gleich welchen Gruppen sie angehören, nicht vom Fraktionsinteresse aufgesaugt werden. Wir haben in dieser Beziehung auf dem letzten Delegiertentag ein trübes Bild gehabt, und das merkjwürdigste ist, .daß sich kaum jemand findet, der diese entsetzlichen Mißstände in der öffentlichkeit gerügt hat. Die älteren Mitglieder der Fraktionen mögen von früher her tatsächlich noch das Gefühl der Gemeinsamkeit haben, aber bei den jüngeren sieht man bereits, daß sie nicht mehr im Zionismus, sondern in ihrer Fraktion aufgehen und für sie arbeiten, daß sie von Fraktionsprogrammen und -Schlagworten der parlamentarischen Diskussion gefangen sind, daß sie nicht mehr das Bewußtsein zionistischer Zusammengehörigkeit haben, sondern daß sie reine Parteimitglieder geworden sind. Es hat Leute gegeben (charakteristischer Weise solche, welche die Eroberung der Gemeinden in ihr Sonderprogramm aufgenommen haben), welche die Mitarbeit am Berliner Gemeindewahlkampf verweigert haben, weil sie mit der Durchführung des Kampfes um die Plätze für den zionistischen Delegiertentag zu sehr überlastet waren. Ähnlichen Erscheinungen begegnen wir täglich. So bedauerlich es ist, so muß festgestellt werden, daß gerade der Blau- Weiß sich in diesem Punkte von einer wenig erbaulichen Seite zeigt. Er identifiziert sich mit einer politischen Fraktion und leistet der verderblichen Entwicklung Vorschub, daß die Fraktionen sich Jugendbewegungen „halten" und die Jugendorganisationen auf die Wege der Fraktionen gleiten. Tagtäglich kann man in dieser Beziehung die merkwürdigsten Dinge erleben, wie z.B., daß Blau-Weiße zu wichtigen Sonntagssitzungen nicht kommen,, weil sie wandern wollen (als ob nicht z.B. die Ruderer eben so gern rudern wollten), wie jeder Versuch, die Jugendorganisationen einander näherzuführen, an dem Verhalten des Blau-Weiß scheitert, wie er gemeinsame Treffahrten nicht mitmacht, es ablehnt, sich an einer Jugendzeitschrift zu beteiligen und dadurch die Zersplitterung, die, wie auf allen Gebieten, so auch in unserem' Zeitschriftenwesen eingerissen ist, immer mehr erhöht usw. usw. Zu dem nationalen Bewußtsein gehört ein waches Verantwortlichkeitsgefühl. Es ist widerlich, zu sehen, wie unsere Ritter von der Feder und vom Wort und ganze Generationen ihrer Nachfolgerschaft bei der Ankunft einer freudigen Nachricht einander berauscht in die Arme fallen und, wenn nicht in fünf Minuten alle Blütenträume reifen, in eine Depression verfallen, die fast jede Arbeit verhindert*). Man soll wissen, daß das jüdische Volk nicht in wenigen Monaten oder Jahren wieder aufzubauen ist/ und daß es auf die täglichen Schwankungen unserer Erfolgsaussichten gar nicht* ankommt. Mit der Geistesverfassung, in der sich unsere Jugend heute befindet, hätten wir vor dem Kriege, als an handgreifliche Erfolge überhaupt nicht zu denken war, überhaupt nicht arbeiten können. Anfang 1916 schrieb ich, zu einer Zeit, als von den heutigen zionistischen Möglichkeiten noch nichts in Sicht war, ins Feld: •„Ich habe als Zionist nie auf die Verwirklichung auch nur eines kleinen Teiles unserer Ziele in absehbarer Zeit gerechnet. . . . Jeder Mensch, der ein gesundes Gemeinschaftsgefühl hat, arbeitet für sein Volk, insbesondere wenn es bedrückt ist, mit seiner ganzen Kraft und hat dabei Wünsche, Hoffnungen und Träume, weiß aber nie, welches in Wirklichkeit der Erfolg und das .Ziel seiner Arbeit ist Oft ist der Erfolg ein entgegengesetzter als ursprünglich beabsichtigt, oft ist er so *) Man beachte z. B. wie ganze Kreise unserer Jugend heute in ihren Stimmungen schwanken und beeinflußt werden, je nach der Stimmung des letzten Privatbriefs, den ein unmaßgeblicher Einzelner ihnen aus Palästina gesandt hat.

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