Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Der akademische Rahmen 235 folgt, von morgens früh bis abends beim Studium -und Stundengeben, oft sogar in anderen Berufen, um Nebenbeschäftigung zu haben, während — allerdings nicht allzu breite — Schichten junger Kaufleute in glänzend bezahlten Stellungen sitzen, am frühen Nachmittag frei sind und sogar die Einrichtungen ihres Geschäftes in der Arbeitszeit für Vereinsangelegenheiten (Rundschreiben, Vervielfältigungen, Kassensachen, Reisen usw.) verwenden können: Zu 3.: Ist unberechtigt, zum mindesten stark übertrieben. Man ver- . gleiche unsere fachsimpelnden Ärzte, Anwälte, Ingenieure, die ganz einseitig in ihrem Beruf interessiert sind, mit dem „besseren" Kaufmann (wie er etwa in sozialer Wertung den akademischen Schichten entspricht), der üblicherweise 2 bis 3 fremde Sprachen beherrscht, fremde Länder gesehen hat, volks- und weltwirtschaftliehe Zusammenhänge kennt, großzügig denkt und großzügig arbeitet. Die verschiedenartige Tagesbeschäftigung, die stärkere geistige Betätigung hebt die Akademiker kaum aus der Menge heraus, es sind vielleicht relativ mehr als in anderen Ständen, aber immer noch wenige, die man als geistig weiter entwickelte Menschen ansprechen könnte. Wir müssen heute feststellen, daß fast alle unsere Leute, soweit sie im Beruf stehen, die Interessen ihres Berufes voranstellen, meist sogar als einzig maßgebend ansehen. Mediziner und Ingenieure lehnen eine Mitarbeit fast immer mit dem Hinweis auf ihren Beruf, „der den ganzen Mann erfordere" und sie völlig besetzt halte, ab. Die Zahl der von ihnen an Gemeinschaftsarbeit Beteiligten beträgt unter mehreren Hunderten keine zehn. Dadurch, daß wir sie gewonnen haben, haben wir bestenfalls einzelne neue Anhänger, aber keine weiter wirkenden Kräfte gewonnen. Wenn bei den Juristen die Verhältnisse etwas besser sind, so liegt dies vermutlich nur daran, daß sich bei den Juristen die Leute sammeln, die organisatorische oder rhetorische Neigungen oder Fähigkeiten haben. Unter den jungen Leuten haben wir dieselben Erscheinungen wie unter den alten. Viele von denen, die sich die besten nennen, sind unter Hinweis auf ihren Beruf jeder Gemeinschaftsarbeit abgeneigt. Ein •großer Teil ist für Arbeiten, die wir früher für selbstverständlich hielten, nur mit Gewalt heranzuziehen. Wer aile diese Dinge und unsere Menschen kennt, weiß, daß der Akademiker im Durchschnitt nicht besonders gebildet ist. Das Argument der minderen Geldsucht der Akademiker wird hoffentlich niemand auftischen, ohne sich vorher im Sprechzimmer von Ärzten und Anwälten hierüber eingehend orientiert zu haben. Für ein Standesbewußtsein im Sinne des akademischen Standesgefühls liegt nicht der mindeste Anlaß vor; es ist ihm auch kein erzieherischer Wert beizumessen. Hierfür kommt bei uns lediglich die Erziehung zur persönlichen .und zur jüdischen Ehre in Betracht. (Wer die Entwicklung der deutschen Politik in der Gegenwart objektiv zu verfolgen in der Lage ist, wird feststellen können, daß das Standesgefühl der Akademiker und des Offiziers — in beiden Fällen in gewisser Beziehung sachlich begründet und berechtigt — an der heutigen Lage des deutschen Volkes und an der Hoffnungslosigkeit dieser Lage hervorragend schuldig ist. Die unverkennbar günstigen Auswirkungen des Standesgefühls spielen gar keine Rolle gegenüber der zerstörenden Kraft, die es auf der anderen Seite zeigt, indem es das Volk zersplittert, die zur Führung und zur Verwaltung des Volkes Berufenen von' ihm trennt und ganze Völksteile in völliger Unkenntnis von einander hält*). Hiernach ist prinzipiell festzustellen, *) Hier liegt die prinzipielle Bedeutung der Tatsache, daß man Nichtakademiker aufnehmen und mit nichtakademischen Organisationen zusammenarbeiten will. Man macht sich von den unsichtbaren, aber sehr tief wirkenden Grenzen, die das Volk durchziehen, frei. Gegenüber diesen Gesichtspunkten darf auch der sehr beachtliche Einwand nicht den Ausschlag geben, daß die Zusammenfassung gleichartig vorgebildeter Menschen eine homogene Organisation schafft, d|e durch das Eindringen von Menschen mit anderer geistiger Struktur zersetzt wird. Übrigens zeigt auch die Vorbildung der Akademiker recht weitgehende Unterschiede.