Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537754-3537759--5052-3543162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
232 Josef Fried mann Josef Friedmann I jie Zahl unserer Toten ist um einen vermehrt — im Juli hofften wir noch, er müsse unter dem nächsten Transport der Heimkehrer sein, da kam die Nachricht, erst noch ungewiß, dann aber mit grausamer Wahrheit: Josef Friedmann ist am 20. Dezember 1919 in Omsk in Sibirien an Typhus gestorben. Kameraden brachten die Kunde, sie erzählten auch, er liege auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Omsk. Einsam, in Gefangenschaft! kurz vor der Heimfahrt, ist er gestorben. Ich kannte ihn vorher*nur flüchtig aus Berlin. Sein bescheidenes, stilles, liebenswürdiges Wesen nahm mich für ihn ein, dann kam der Krieg, wir wurden getrennt. Ich geriet in Gefangenschaft, war schon zwei Jahre in Sibirien und noch immer hatte ich unter den vielen Leidensgenossen nie einen Bekannten gefunden — und ich sehnte mich nach den drei Kriegsjahren in der mir fremden Umgebung nach einem Menschen, mit dem ich sprechen konnte, wie mir ums Herz war, der mein Leid trug, wie ich das seine mittragen helfen wollte. Da, ganz unerwartet, fand ich unter einem neu angekommenen Transport Gefangener Josef Friedmann. Als wir uns sahen, umarmten wir uns wie Brüder und weinten. Er sah arg mitgenommen aus von seiner damals einjährigen Gefangenschaft, und ich älterer 4 Gefangener half ihm, so gut ich konnte. Friedmann hatte seine unfreiwillige Muße gut verwertet. Er hatte einen Kreis junger Juden, s österreichischer und ungarischer Blau- Weißer, um sich gesammelt, denen er alles gegeben, was an ihm jüdisch war: seine heiße, tiefe Zionsliebe, die Liebe zum Volke, den Glauben an unsere Zukunft, den Willen zur jüdischen Arbeit. Mit eiserner Energie lernte er selbst hebräisch und feuerte die andern dazu an. Wenn wir in der Baracke saßen, acht bis zehn Zionisten, diskutierend über irgendein Problem, das wir im „Haam" gelesen hatten, wenn wir über die Zukunft sprachen, wenn wir im trauten Kreise hebräische Lieder sangen, mitten in der kalten, fremden Umgebung, für unsere Lieben daheim, unerreichbar wie sie für uns, da leuchtete sein treues, warmes Auge und sein Herz jubelte mit uns — vergessen war das Elend; wir wußten, wir sind auch in der Fremde nicht allein. In unserem Beresowkaer Kreis war er bald heimisch. Wir hatten einen eifrigen Mitarbeiter an ihm für unsere Arbeit, er sehrieb uns Aufsätze für unsere jüdische Lagerzeitung, et half uns, wo er konnte. Mir war er ein Freund, und als ich krank war, ein Bruder. Auch bei seinen Kameraden war er beliebt, denn er war hüfreich, zuvorkommend und gerade. Als ich im Mal 1918 abfuhr, half er mir mein Gepäck tragen und wollte in zwei Wochen nachkommen, seine Papiere waren noch nicht in Ordnung — da brach der. tschechische Aufstand aus, und jede Verbindung mit Sibirien hörte auf. Seitdem keimen nur noch sehr selten kurze